22.06.2021

Der Elektro-Nomade Psion oder Palm?

Aus der NZZ-Kolumne „Der Elektro-Nomade“, November 2000

Hoffnungsfroh machte ich mich auf ins Psion-Center am Stauffacher, wo sich der Psion-User-Club zu treffen pflegt. Was ein Psion ist? Nun, falls Sie noch eine Agenda aus Papier benutzen, dann schämen Sie sich; andernfalls gehören Sie höchstwahrscheinlich ins Psion- oder ins Palm-Organizer-Lager. Das ist eine Glaubensfrage, wie ihr Primarschulentscheid in Sachen Füllfeder, ein Pelikan- oder ein Geha-Typ zu werden. Jedenfalls handelt es sich um elektronische Agenden, die, na ja, meist noch einiges mehr könnten, als die wichtigsten Dates ihrer Besitzer zu speichern.

Palms sind leicht, haben aber keine Tastatur, derweil Psions zwar schwer, aber mit Tastatur ausgestattet sind. Und wenn Sie das Flaggschiff 5mx besitzen, dann mag zwar ihr Jackett zuweilen etwas schief an Ihnen runterhängen, dafür lässt sich Ihr Darling praktisch unbeschränkt mit mehr Speicherkapazität ausrüsten. Und statt eine dieser ominösen Stromadapteraufladewidrigkeiten zu benötigen, läuft er mit Batterien.

Stolz trägt man seine Adressen und Termine durch die Welt und freut sich, weil das Ding nicht erst aufstarten muss, sondern sofort läuft. Weil er so klein ist, nehme ich ihn auch gerne mit ins Bett, wo ich mich oft fremdländischer Lektüre widme, denn mit dem vorzüglichen Deutsch-Französisch-Englisch-Spanisch-Italienisch-Wörterbuch von TrueDic sind im Nu Wissenslücken gestopft. Aber ich wollte mehr! Ich wollte mailen, trotz aller Konfigurations-Tücken. Denn woher soll man wissen, dass Nokia und Psion nur kommunizieren, wenn man ins Feld «Init-String» die Zauberformel «AT&F&K4» tippt? Verraten hat mir das ein Swisscom-Techniker (Tel. 0800 55 64 64), und natürlich hat sich seither die Handyrechnung massiv erhöht. Nicht klappen wollte das Versenden von SMS – Hilfe erhoffte ich vom Psion-User-Club (www.psilog.ch).

Der Messias des User-Clubs hört auf den Namen Fredi Ott, ist Clubchef und unterhält die Site www.ott-net.ch mit den nötigen Links und Tipps, etwa zum Haben-Muss «Phonemann», mit dem man Handynummern managt und selbst endlose Texte als Serien-SMS versendet. Und er kam nicht. Der Ott-lose Club marschierte daher gleich in die Pizzeria, und also sass da eine Schar Technoautisten vor Pizza und Psion. In der «Zeig mir deins, ich zeig dir-meins»-Stimmung holte ich gegen Aschis «Siena» meinen «Vaio» hervor, gegen sein MP3-Diktiergerät standen meine MP3-Jukebox und mein Handheldscanner, derweil ich gegen die Psion-Progrämmli schwer im Hintertreffen lag.

Das ist vorbei! Ich habe den GuideMichelin installiert, ich habe MVM-View, um Bilder anzusehen, ich habe Nightkeys (www.neuon.com), um in Dunkelheit (Nachtarbeitsplatz Taxirücksitz!) tippen zu können, ich habe den Pariser Metroplan (http://dardennegabriel.free.fr) und einen Konverter, mit dem sich nicht nur Franken in Euro, sondern auch äthiopische Birr in niederländisch-antillische Gulden umrechnen lassen. Von www.pocketinfo.org habe ich Lexika zur antiken Mythologie, zu Geschichte und Film, ich habe Wörterbücher zu den Themen Internet, Börse, Computer und Handel, und von www.epocbooks. com habe ich die Bibel, Shakespeare und Schiller auf den Psion geladen, kurz, ich bin ein richtiger Psion-User geworden, dem der Weg das Ziel ist. Und der heisst zurzeit: mehr Speicher, weil mein Psion rappelvoll ist. Und: Stil ist unnötiger Snobismus! Ich werde mir im Militaryshop (Bäckerstrasse) so eine Rip-off-Gürteltasche für den Psion holen und tapfer allen Spott ertragen.

Thomas Haemmerli

Für Psion Nostalgiker


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