24.01.2019  _  Kunst + Warhol + Andy Warhol + Experimentalfilmer + Jonas Mekas + Lou Reed Facebook

Jonas Mekas: Der grosse Experimentalfilmer ist gestorben

Von Dada bis Warhol: Der Litauer Dokumentarfilmer Jonas Mekas dreht wie ein Gehetzter

Gott war mit der Schönheit der Welt und der Natur zufrieden, also schuf er Kamera und Filmemacher, um sie zu zelebrieren. Der Teufel aber brachte einen Haufen Gold und sprach zum Filmemacher: Warum willst du die Welt feiern, wenn du das Gold haben kannst? Also entstanden Hollywood und das Kommerzkino. Als Gott sah, dass der Teufel ihn ausgetrickst hatte, schuf er den Experimentalfilmer und beschied ihm: Du wirst nie Geld verdienen!
Nachdem Jonas Mekas das Gleichnis erzählt hat, lacht er schallend. Gott hat Wort gehalten – nie, nie hat Mekas mit seiner Arbeit Geld verdient. Macht nichts, Mekas braucht keine pekuniäre Triebfeder, der Mann kann gar nicht anders, als rastlos zu filmen, zu organisieren, zu dichten, zu schaffen. Wo immer er sich bewegt, seine Kamera ist dabei, was immer er tut, er muss es filmen. Und weil Mekas stets mit den richtigen Leuten am richtigen Ort war, sind seine tagebuchartigen Filme ein Who’s who der Kunstwelt des zwanzigsten Jahrhunderts. Ob Allen Ginsberg als junger Beat-Poet New York aufmischt oder als Leichnam in die Grube fährt, Mekas und Kamera sind dabei. Ob der jugendliche Andy Warhol seine Rockband Velvet Underground präsentiert, ob Celebrity-Fetischist Andy mit Jackie Onassis und ihrer Schwester Lee Radziwill Urlaub macht, oder ob der tote Pop-Papst Warhol abgedankt wird, Mekas filmt.
Dabei sah sich Jonas Mekas lange Zeit gar nicht als Filmemacher, sondern dachte stets, er übe bloss für den Tag, an dem er Zeit und Geld für einen richtigen, professionellen Film haben würde. Doch stets bestimmten das Provisorische, Zufällige und Flüchtige Mekas Lebenslauf.

Die Nazis steckten Mekas und seinen Bruder in ein Arbeitslager

1922 wird er in Litauen als Bauernsohn geboren. Die Moderne begegnet ihm in Form sowjetischer Panzer. Jonas, der einen Fotoapparat geschenkt gekriegt hat, knipst drauflos, bis ihm ein Offizier den Film aus der Kamera reisst. Glück gehabt. Im Stalinismus stirbt man für weniger.
Kurz nach den Sowjets besetzen die Nazis Litauen. Jonas und sein Bruder flüchten, um der drohenden Verhaftung zu entgehen. Sie werden festgenommen und kommen in Hamburg in ein Arbeitslager. Nach Kriegsende durchlaufen sie verschiedene Flüchtlingslager, bis sie 1949 nach New York emigrieren. Dort ersteht Jonas seine erste Bolex-Kamera und will Chronist der Litauer Exilszene werden.
Als die Gebrüder Mekas ins East Village umziehen, begegnen sie der Beat-Bohème. In den Beat-Dichtern, die sich der Alltagsrealität widmen, findet er gleich Gesinnte und eine Rechtfertigung für seine Filmerei.
Einen Kick erhält die Avantgardefilmerei von der US-Army, die sich von überzähligem Material trennt. Mekas erinnert sich: «Millionen Meter Film und Tausende von Kameras wurden im Army Outlet in der 8. Strasse verkauft. Es war so billig, dass sich alle sagten: Warum nicht Filme machen? So haben die meisten zwischen 1955 und 1965 angefangen.»
Beat-Mentalität und das billige Material führen zu einem neuen filmischen Stil. Statt Drehbücher zu verfassen und perfekte Szenen zu inszenieren, filmt Mekas mit der Handkamera wild drauflos. Den Mut zum Experiment verstärkt die Begegnung mit Hans Richter, dem grossen alten Mann des Dadaismus, dessen Filmklasse Mekas besucht.
Mekas Bolex-Kamera erlaubt es, den Motor anzuhalten und Einzelbilder zu schiessen. Wild fuchtelt Mekas mit der Kamera in der Gegend rum, lässt mal den Motor laufen, um bewegtes Bild zu filmen, dann schiesst er wieder Einzelbild um Einzelbild. Das Ergebnis: nervöse Bildfolgen, die gewöhnungsbedürftiger sind als das reportagenhafte Gewackel der Dogmafilme. Ist der Betrachter aber einmal in den Rhythmus eingetaucht, kriegt er gar nicht genug davon. Als Kontrapunkt zu den schnellen Bildfolgen fungiert Mekas ruhige Erzählstimme, die ein eigenes Gepräge erhält durch den schweren litauischen Akzent, den er in all den New Yorker Jahren nie abgelegt hat.
Als Gestaltungsprinzip lässt Mekas auch den Zufall gelten. Als er sich 1971 mit einer neuen Bolex-Kamera nach Litauen aufmacht, um die Spuren seiner Kindheit und die verlorene Heimat wiederzufinden, dreht der Motor willkürlich einmal 24, dann wieder 36 Bilder pro Sekunde. Damit sind die Aufnahmen über- oder unterbelichtet, was Mekas am Schnitttisch zum Prinzip seines Films über Litauen erhebt.

Als ständig Getriebener arbeitete Mekas nie an einer einzigen Sache

Geprägt sind Mekas Filme auch durch Rastlosigkeit, die ihm kaum Zeit lässt, an ihnen zu arbeiten: «Es liegt in meiner Natur, stets 100 Sachen gleichzeitig zu machen und auf 100 Niveaus zu arbeiten.» So gründet Mekas 1955 eine Filmzeitschrift und ist bis in die Siebzigerjahre einer der einflussreichsten Kritiker des Underground-Kinos. Er organisiert Vertriebskanäle und wird verhaftet, weil er Filme des schwulen Poeten Jean Genet vorführt. Den Grossteil seiner Energie steckt Mekas in die Filmarchives, eine Institution, mit der er Underground- und Avantgardefilm archiviert, Film-Menschen vernetzt und Besucher empfängt.
«Mekas filmisches Werk zeugt von seiner Generosität gegenüber den Leuten», sagt Jean Perret, Direktor des Filmfestivals Nyon. «Seine Bilder sind nie voyeuristisch und haben nichts vom Blick des Starsystems.» In der Tat: Ob Mekas Lennon, Warhol oder Onassis zeigt, nie erscheinen sie einem wie Stars, eher wirken sie wie entfernt bekannte Gesichter in Familienaufnahmen. Und wie in Familienalben sehen wir zu, wie die Gesichter kommen, wie sie altern und verlöschen.
In Nyon zeigt Mekas sein neuestes Werk, das die Jahre 1975 bis 2000 um- fasst und wieder alles wild zusammenwürfelt: New York, Familie, Stars, Bekannte und Unbekannte, Reflexionen, Zufälliges und Gewolltes. Der Film ist das letzte Stück von Mekas privater Chronologie des zwanzigsten Jahrhunderts, mit der er das Leben und die Künste feiert. Gott dürfte zufrieden sein.

Jonas Mekas, «As I was going ahead I saw brief glimpses of beauty». Donnerstag, 19 Uhr, am Dokumentar- filmfestival «Visions du réel» in Nyon

Fluxus und Luxus, Protest und der ganze Rest: Was immer sich anbahnte, Mekas Kamera hielt es fest

Yoko Ono & John Lennon

Ob John und Yoko privat grillieren oder für die Sache des Friedens eine Woche öffentlich im Bett verbringen, stets ist ihr Freund Jonas Mekas mit von der Partie und filmt alles, was passiert.

Andy Warhol

Ab 1964 dreht Mekas alle Stationen von Andy Warhol, von den wüsten Partys mit der Rockband Velvet Underground über Warhols Zeit mit Reichen und Berühmten bis zur Abdankung.

Lou Reed

Mekas filmt die ersten Auftritte von Lou Reeds Band Velvet Under- ground, die Furore macht mit dem Model Nico, lärmigem Sound und der von Warhol konzipierten Bühnen- und Lichtshow.

George Maciunas

Der Litauer Maciunas war Kopf von Fluxus, einer experimentellen Kunstrichtung, zu der Leute wie Nam Jum Paik oder Ben Vautier gehören. Mekas dokumentierte Maciunas Leben wie seine Kunst.

Hans Richter

Der grosse alte Mann des Berliner Dada – Maler, Grafiker, Filmpionier – bedeutete für Mekas eine Verbindung zur alten Avantgarde. Über ihn drehte Mekas eines von 160 Filmerporträts.

Jackie Onassis & Lee Radziwill

Mekas bewegte sich in allen Schichten, er drehte – als nach Underground Reichtum & Ruhm interessant wurden – auch Kennedy-Witwe Jackie und ihre Schwester Lee.

Erschienen am 22.April 2001 in der SonntagsZeitung


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