09.03.2015  _  Blind Dates + Georgien + Levan Koguashvili + Tiflis Facebook Kommentare 2

Mit Pathos zum Privatklo: Georgien

Ein Text, den der Verleiher Trigon haben wollte, als „Blind Dates“, der hochlustige Film von Levan Koguashvili ins Kino kam. „Blind Dates“ ist eine Art georgischer Kaurismäki.

Mit Pathos zum Privatklo

„Du bist nicht in der Schweiz, Haemmerli!“ sagte mein Übersetzter vorwurfsvoll. Ich sah’s ja ein. Obzwar Georgien zum Abendland zählt, lappt der Zeitbegriff schon sehr ins Orientalische hinein. Hopphopp, schnellschnell und hocheffizient, das geht hier nicht. Und warum sollte es auch? Der Georgier hat ja alle Zeit der Welt. Die er gerne verbummelt. Am liebsten mit Gästen. Dann fuhrwerkt das Weibsvolk in der Küche, als gälte es den Welthunger zu besiegen. Und jeden Trinkspruch des Tamadas, eine Art Master of Ceremony, beendet ein „Gaumardjus!“, worauf die randvollen Wein- und die kleinen Schnapsgläser zu leeren sind.
„Blind Date“ triff auf eigentümliche Weise das Wesen Georgiens und erfüllte mich augenblicklich mit schwerem Heimweh für eine Wahlheimat. In Georgien fiel mir vor ein paar Jahren die Aufgabe zu, die sowjetischen Mosaiken zu dokumentieren. Etwas, was Westler mit Sinn für Kunst als dringend geboten, die Georgier als komplett überflüssig erachten. Wobei: Was heisst schon Westler? Als letztes christliches Land vor der Autobahn nach Zentralasien, interpretiert sich Georigen als europäisch. Und hoffnunsvoll weht von allen Regierungsgebäuden die EU-Flagge.
Ein Land zwischen EU und Putin
Der EU-Beitritt ist eine Vision, die zum Scheitern veruteilt ist. Nicht nur wegen der EU, sondern weil Putin Georgien zurück haben will. Das Land ist der einzige nicht von Russland kontrollierte Korridor, durch den das Gas aus Aserbeidschan nach Europa fliessen kann. Deshalb beherbergt die Hauptstadt eines kleinen, wirtschaftlich völlig unbedeutenden 4,5-Millionen-Staats, hochkarätige Diplomaten und eine lebendige Geheimdienstcommunity. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts gehörte ganz Georgien zum Zarenreich und wurde ein Sehnsuchtsziel der Russen. Von Stalin bis zu Gobatchov hatte jeder Generalsekretär seine Datscha, kleine Funktionäre liebten Dienstreisen dahin, weil man so prächtig tafeln und trinken konnte. Um nicht zu sagen: musste.
Brachiale Gastfreundschaft
Das geht so: Die internationale Kunstblase war gehalten, sich gegen 10 Uhr bei einem Hotel in Tbilisi einzufinden, um eine Provinz-Residency zu besuchen. Um ein Uhr fuhr der Bus dann doch noch. Man besichtigte die Ateliers, das Haus, den Garten. Dann dämmerte den Organisatoren, dass sie nicht an Essen gedacht hatten. Organisatoren: Ab. Ich wollte an der Hauptstrasse ein Kollektivtaxi zurück nach Tbilisi nehmen. Doch schon beim dritten Haus des Dorfes sah mich ein Bauer. Ein Fremder! Energisch packte er mich am Arm und verschleppte mich in den Keller, um aus grossen Humpen seine Weine zu probieren. Weiss und süss. Weiss und herb. Rot, süss, herb, dieses Jahr, letztes Jahr. Sie schmecken ja nicht schlecht, diese trüben Hausweine, die in Georgien allerorten fabriziert und an Festen kredenzt werden. Trotzdem wollte ich nicht kampftrinken. Der Bauer aber, begeistert den Fremdling zu bewirten, leerte Glas um Glas. „Gaumardjus! Gaumardjus!“ Das hiess: Trink aus, Mensch! Wir nehmen noch einen! Ich drängelte zum Ausgang, tippte auf meine Uhr, nichts half. Wir waren ja noch nicht einmal bei den Eigenbränden angelangt.
Meine Rettung war, dass die Frau des Hauses, die für den Gast hätte kochen müssen, abwesend war. So torkelte ich h – beladen mit Tüten voller Früchte und drei Zweiliter-Fantaflaschen voll Wein – zur Hautstrasse. Bis mich der nächste Kaukasier erspähte: Ein Fremder! Ich gab auf, kehrte zurück zur Residency, in der es gegen Mitternacht dann doch ein Festbankett gab. Und allesamt, Westler wie Georgier, fuhren wir voll wie die Strandhaubitzen zurück nach Tbilisi und sagen unterwegs im Repeat-Modus das einzige Lied, das alle kannten: My bonny is over the ocean.
Wohnung, Knie, Klo
In Tbilisi liefen mir 90 Quadratmeter einer Grossbürgerwohnung von 1900 zu, die von den Sowjets zweigeteilt worden war, weshalb ich mit Nachbars, die die andere Hälfre besitzen, Küche und das Klo teilte. Der Verkäufer versprach, wir könnten auf meiner Seite Bad und Küche einbauen, persönlich würde er das sicher stellen. Dann flog er in ein gehobenes Privatspital in Israel, um sich einer Knieoperationen zu unterziehen. Und verstarb. Das Bad sollte mich drei Jahre kosten. Verdammt viel Nervern. Und einige Packungen Lindt & Sprüngli.
Die pathetische Rede
Geld, hatte ich gedacht, würde die Sache mit den Nachbarn regeln. Fehlanzeige. Stur beharrte die Dame von unten, dass ich ohne ihre Unterschrift kein Klo einbauen könne. Und sie hatte keinerlei verhandelbare Forderung! Es half, dass ich mit einem Synchron-Dolmetscher Georgien bereist hatte und deshalb mit den pathetischen Reden vertraut bin, die zum Einsatz kommen, wenn man gemeinsam trinkt. Oder, wenn’s um die Wurst geht. In „Blind Date“ etwa, wenn der alte Vater den Taugenichtsen, die nicht mal eine Braut klar machen können, die Leviten liest. Oder, wenn Oma dem werdenen Vater, der sich aus dem Staub zu machen sucht, erklärt, wo der Hammer hängt. Ich hub an: Gott hat mich in dieses wunderbare Land geführt. Auf dass ich die Georgier und ihre Gastfreundschaft kennen lernen darf. Ich, der ich dadruch reich beschenkt wurde, möchte weiteren Helvetern, einem wackeren Volk, das auch in den Bergen lebt, die Möglichkeit geben, das gottgesegnete Georgien kennenzulernen. Dafür braucht der Helveter aber, da kann er nun mal nix dafür, ein eigenes Klo! Mit süssem Lächeln schob ich eine Risenpackung Lindt-Schockolädchen mit Fotos von Schweizer Bergen und „Bluemätrog“-Städtchen über den Tisch. Ich bekam meine Unterschrift. Dass es drei Jahre dauerte hängt aber auch damit zusammen, dass der Georgier, wenn ich hier – en famille – einmal so generell reden darf, nicht der effizienteste ist und einen anderen Zeitbegriff hat als unsereins. Ich sage ausdrücklich: Generalisieren. Denn Stalin, der aus Gori stammt, war, hegelianisch gewendet, als Furie des Veschwindes die Effizenz höchstselbst.
Stalinmuseum Gori
Gori ist zwei, drei Stunden von Tbilisi enfernt. Die grosse Attraktion ist das Stalinmuseum, in dem der Kult fortlebt. Die Babuschkas, die durchs Gebäude führen, wissen: Es ist völlig unbewiesen, dass Stalin je Verbrechen begangen habe! Eine Holzhütte, angeblich Stalins Geburtshaus, ist überdacht von einem griechischen Marmor-Tempel, den noch Berija, Stalins gefürcheter Geheimdienstchef, errichtete. Als man vor einigen Jahren das grosse Stalinmonument aus Gori entfernte, geschah das mitten in der Nacht, um nicht zuviel Proteste zu provozieren. Und ein alter Künstler sagte mir: „Stalins grösster Fehler? Dass er Chrustschow nicht füsilieren liess.“
Gewalt und Georgien
Georgien ist ein sicheres Land. So lange man sich nicht dem Strassenverkehr anheimgibt. Aber zuweilen bricht dann doch etwas auf. So erzählt mein treuer Fahrers von einer Hochzeit, aus der – wegen einer Lappalie – mehere Tote resultierten. Das bestätigte mir ein Kommissar vom Morddezernat: Gewaltsamen Todes sterbe man –ausser im Verkehr – vor allem, weil sich Freunden oder Bekannten in die Haare geraten.
Die Misere der Flüchtlinge
Der Bürgerkrieg begann in Abchasien, der Riviera Georgins, gelegentlich der georgischen Loslösung von den Restanzen der Sowjetunion. Mit Hilfe Russlands erklärte sich Abchasien als unabhängig, so wie sich 2008 Südossetien nach einem von Putin angezettelten Krieg lossagte. All die georgischen Flüchtlinge aus den rebellischen Provinzen leben in prekären Verhältnissen. Nicht zuletzt, damit die Wunde des territorialen Verlustes weiter schwäre. Und auf allen Autobahnen affichiert man trotzig die Kilometer bis nach Suchumi, dem Hauptort Abchasiens.
Männer & Frauen
So gut ich Georgien kenne, habe ich doch nie richtig begriffen, wie die Verhältnisse zwischen den Geschlechtern, wie das Paarungsverhalten funktioniert. Mir scheint, die Frauen sind weniger phlegmatiasch als so manches Mannsbild. Und haben aus der Sowjetunion herüber geretten, dass sie studieren, arbeiten und sich scheiden lassen können. Deshalb gibt es einen gehörigen Anteil Singles, deren Glück aber – scheint mir – der georgische Fatalismus im Wege steht.

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