22.10.2012  _  Sonstiges + Doping + Radsport + Tour de France + Willy Voet Facebook

«Alle Champions sind gedopt. Ohne Doping kann man heute nichts mehr gewinnen»

Aus aktuellem Anlass ein Griff in mein Archiv. 1998 kam es zur Affäre Festina, weil der Doping-Spezialist des Festina Teams während der Tour der France von der Polizei gefasst worden war. Obwohl ich von Sport gar nix verstand, schickte mich damals die SonntagsZeitung – weil ich Französisch kann – zum Doping-Fachmann Willy Voet. Das Interview war äusserst aufschlussreich, und mir war danach klar: Jederman, der sich ein wenig für Radsport interessierte, konnte wissen: Alle Champions sind gedopt.

WILLY VOET: EX-MASSEUR, AUTOR UND ANGEKLAGTER (SoZ, 1999.06.13)

von Thomas Haemmerli

Willy Voet wurde 1998 verhaftet, als er mit Dopingmitteln an der Tour de France unterwegs war. Seine Aussagen zogen die Verhaftungen des Sportlichen Leiters, des Arztes und verschiedener Fahrer des Festina-Teams nach sich – darunter Alex Zülle und Laurent Dufaux. Aufgedeckt wurde dabei ein flächendeckendes Dopingsystem.

Voet lebte 1999 mit seiner Frau in Frankreich, hat zwei Töchter und einen Sohn. Seine Frau arbeitete bei der Polizei, Willy machte den Haushalt.

In Frankreich wurde sein Buch, in dem er über Doping im Radsport auspackt, ein Bestseller. Die deutsche Übersetzung von «Massacre à la Chaine» (Verlag Calmann-Lévy) erschien unter dem Titel: «Gedopt: Der Ex-Festina-Masseur packt aus oder Wie die Tour auf Touren kommt», SWB Sportverlag.

Noch immer lesenswert:: Willy Voet: Massacre a la Chaine

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Willy Voet, Sie gehörten zu der verschworenen Radfahrergemeinschaft, die über ihre Dopingaktivitäten jahrelang eisern geschwiegen hat. Wie hat man Sie im Gefängnis geknackt?

Willy Voet: Im Gefängnis beraubt man dich deiner Freiheit. Ob du duschen oder pissen willst, für alles musst du erst um Erlaubnis fragen. Du bist eine Nummer. Und die Verhöre werden von Leuten geführt, die Profis sind. Sie stellen die gleiche Frage zwanzigmal. Immer ein wenig abgewandelt. Deshalb gibt man am Schluss auf. Anfänglich habe ich behauptet, all die Dopingmittel seien für mich. Aber die lachten mich einfach aus.

Unmöglich, alles zu leugnen?

Voet: Man müsste dafür sehr robust sein. Erst kommen die Verhörspezialisten mit der harten Tour. Dann arbeiten sie mit deinen Gefühlen, bringen deine Familie und Kinder ins Spiel. Es ist unerträglich. Am ersten Tag hat man mich drei Stunden lang verhört. Einer hat alles getippt. Dann hat er das Protokoll zerrissen und gesagt: Ich glaube dir nicht. Wir fangen von vorne an. Mittags gehen sie essen, du kriegst ein Sandwich mit hartem Brot. Man setzt dich in eine Zelle ohne Licht. Du hast keinen Gürtel, keine Schuhbändel, keine Brille.

Sie sehen ziemlich kurzsichtig aus.

Voet: Wenn man mir die Brille wegnimmt, bin ich verloren. Selbst in einem dunklen Loch ohne Licht brauche ich doch meine Brille! Das hat Alex Zülle auch gesagt, als er in Lyon inhaftiert war. Ohne Brille ist er doch ein Blinder. Es war die Hölle.

In Ihrem Buch erscheinen Sie als robuster Charakter. Trotzdem – schreiben Sie – haben Sie in Haft immer wieder geheult.

Voet: Das ist mir vorher nie passiert. Das letzte Mal hatte ich geheult, als ich meine Mutter verlor. Aber sogar jetzt passiert es mir noch manchmal, dass ich zu heulen beginne. (Schweigt und kriegt glänzende Augen) Mein Leben hat sich völlig verändert. Ich entdecke ein neues Leben. Ich schätze, dass ich da bin, ich schätze Vögel und Bäume, ich schätze es, mit meinen Kindern ins Schwimmbad zu gehen. Wenn man aus dem Gefängnis kommt… Sie können sich gar nicht vorstellen, was Freiheit heisst. Wer einfach so durchs Leben marschiert, schätzt sein Leben doch nicht.

Das Gefängnis hat Sie sehr beeindruckt.

Voet: All die Typen dort. Voll Hass lärmen sie abends mit dem Metallgeschirr, beleidigen die Aufseher und brüllen: Hurenbock! Arschficker! Es ist furchtbar. Man kann hart wie Beton sein, und trotzdem zerbricht man. Das Härteste war das Geräusch, wenn man mich eingeschlossen hat und dieser grosse Schlüssel gedreht wurde. Krack! Krack! Dann wartest du und wartest und weisst nicht, für wie lange, weisst nicht, was mit dir passiert.

Als Sie verhaftet wurden, glaubten Sie noch, Ihnen könne nichts passieren.

Voet: Ich gehörte zu Festina, damals die beste Equipe der Welt mit Virenque und Brochard. Die haben beste Beziehungen! Als wir wegen der Tour de France in Corèze waren, hat uns Madame Chirac eingeladen. Wenn man mit solchen Leuten Kontakt hat, sagt man sich: Die retten mich, denen fällt bestimmt etwas ein.

Viel ist denen zu Ihnen nicht eingefallen.

Voet: In meiner Zelle hatte ich TV und habe gesehen, wie sich Bruno Roussel, der Sportliche Leiter von Festina, wie sich Virenque und Hervé distanzierten. Die sagten: Damit haben wir nichts zu tun. Die haben mich verarscht. Ich dachte: Das darf doch nicht wahr sein! Ich habe das alles für sie gemacht. Ich sagte mir, ich kann doch nicht alles nur auf mich nehmen.

Was unternahm Festina?

Voet: Roussel telefonierte meiner Frau und sagte ihr, sie solle unbedingt die Notizbücher verbrennen, in denen ich seit Jahren Buch über den Dopingkonsum der Fahrer führte. Meine Frau ist nicht doof. Sie hat die Notizbücher bei einer Freundin versteckt. Das war entscheidend.

Und es hat den Radsport umgepflügt. Seit wann arbeiten Sie in diesem Sport?

Voet: Ich bin Belgier. Belgien ist das Land des Radsports. Mein Grossvater und mein Vater fuhren Rad. Ich bin bis 26 Rennen gefahren. Und später wurde ich Masseur.

Wann kamen Sie mit Doping in Kontakt?

Voet: 1962, da war ich 18, gab mir ein Freund zwei Tabletten. Ich schluckte eine und – ahhh… Es war unglaublich. Der Effekt war so stark, dass ich Angst hatte, die zweite Tablette zu schlucken. Damals hat man sich bei den Amateuren regelmässig mit Amphetaminen gedopt.

Wie wirkt Amphetamin?

Voet: Es reagiert vor allem auf das Nervensystem. Man wird besser. Und man sieht die anderen als Mickerlinge. Man ist der Stärkste, der Schönste. Aber es ist auch gefährlich, weil es abhängig macht.

Gab es Doping schon vor den Sechzigern?

Voet: Doping hat immer existiert. Mein Grossvater, der heute 106 Jahre alt wäre, dopte sich mit Äther, den er auf Zuckerstücke träufelte. Ein bisschen bescheissen wollen wir alle. Alle wollen wir die Besten sein. Und dafür betrügen wir ein wenig.

Wann haben die Fahrer erstmals realisiert, dass Doping eine negative Seite hat?

Voet: Nach dem Tod von Tom Simpson, der 1967 auf dem Mont Ventoux gestorben ist. Seit diesem Tag wussten alle, dass es Gefahren gibt. Dann hat man die ersten Kontrollen eingeführt. Aber nur, um Amphetamin nachzuweisen. Es gab aber diverse andere Produkte wie Anabolika. Und kontrolliert wurde nur an den grossen Rennen.

Haben diese Kontrollen etwas gebracht?

Voet: Nein. Man nahm nach wie vor Amphetamine. Vielleicht etwas weniger, weil einige Fahrer sich davor fürchteten. Bis zu Beginn der Achtziger waren Anabolika und Steroide hoch im Kurs. Ich erinnere mich, wie während der Tour de France drei Fahrer der Equipe Mercier positiv auf Anabolika getestet wurden. Die wurden nicht einmal ausgeschlossen. Die kriegten 20 Minuten Strafe und eine Busse aufgebrummt. Alles ging normal weiter. Und bei Kontrollen hat man getrickst. Das berichteten die Fahrer einander dann stolz und brühwarm.

Wie hat man die Kontrolleure getäuscht?

Voet: Kontrolle hiess, dass der Fahrer ein Gefäss kriegte, in das er urinieren sollte. Also hatten sie ein Fläschchen mit sauberem Urin in der Hose versteckt. Als einige damit erwischt wurden, hatte man ein birnenförmiges Fläschchen, das man unter die Achsel klemmte. Auch das wurde entdeckt. Dann kam die berühmte Sache mit dem Präservativ. Man steckte sich ein Präservativ in den Anus, an dessen Öffnung ein mit Haaren getarntes Plastikröhrchen befestigt war. Dieses lag am Steg. Und dann spritzte man vor der Kontrolle sauberen Urin durchs Röhrchen ins Präservativ. Das war kaum zu sehen.

War das Ihre Erfindung?

Voet: Nein, nein, ich habe etwas anderes erfunden. Ich umwickelte das Fläschchen mit Teppichklebeband. Der Fahrer zog sich nackt aus, um das Vertrauen des Arztes zu erlangen, und bat, in der Toilette urinieren zu können. Zack! habe ich dem Fahrer dann das Fläschchen auf den Rücken geklebt. Bis es eines Tages zu Boden fiel. Was haben wir nicht alles gemacht! Manchmal versteckte man sich auch stundenlang in der Toilette.

Was war der fieseste Trick?

Voet: Es gab Spezialisten, die haben erst die Blase des Fahrers geleert. Dann haben sie mit einer grossen Spritze, die man ohne Nadel benutzte, den Plastikstutzen in die Harnröhre gestossen und so sauberen Urin eingespritzt. Mindestens zwanzig Milliliter. Dafür mussten die Fahrer aber arg die Zähne zusammenbeissen. Dafür musste einer ziemlich verrückt sein, das machte man nur selten.

Ab wann war das Doping ein integraler Bestandteil Ihrer Arbeit?

Voet: Seit 1993, als ich bei Festina begann. Davor war ich bei RMO. Dort waren der Arzt und der Leader, Charly Mottet, gegen Doping. Als wir zu Festina fusioniert wurden, kamen holländische Fahrer und der Arzt Eric Rijckaert dazu. Die hatten schon mit Epo gearbeitet. Das verbreitete sich sofort unter den anderen Fahrern. Die wollten das auch.

Doping wollten vor allem die Fahrer?

Voet: Bruno Roussel, der Festina-Leiter, war anfänglich Dopinggegner. Als er meinen Koffer mit all den Medikamenten und Spritzen entdeckte, sagte er: Das will ich nicht mehr sehen. Das Doping bei Festina ging zuerst von einzelnen Fahrern aus. Die hatten Knowhow und Produkte.

Wie kam es zum organisierten Doping?

Voet: Die französischen und spanischen Fahrer übernahmen von den Holländern das Epo-Knowhow. Roussel hat gemerkt, dass etwas im Busch ist, und wollte das beenden. Das war aber unmöglich. Er hatte die Wahl: entweder gehen oder das System organisieren. Denn es gab Unfälle.

Das Doping-System gab mehr Sicherheit?

Voet: Ja. Schon bevor der Grenzwert für Hämatokrit auf 50 Prozent festgelegt wurde, wollte Rijckaert nie über 54 Prozent gehen, weil er glaubte, dass es sonst gefährlich würde. Unser System sollte Siege, aber auch Sicherheit garantieren.

Die Schweizer haben sich widerspruchslos in dieses System integriert?

Voet: Ja. Zülle und Dufaux kamen von Once. Die waren doch nicht erstaunt!

Wie haben Sie Zülle erlebt?

Voet: Alex ist ein netter Junge. Er kam 1998 zu uns und spricht wie ich Flämisch, weil er eine holländische Mutter hat. Er ist ein richtiger Profi. In allen Belangen, nicht nur beim Doping. Er kann etwas vorweisen, er ist ein Champion.

Aber ein gedopter Champion.

Voet: Wie alle! Wie alle! Sonst wird man nicht Champion. Ich werfe ihm nichts vor. Er streitet nicht ab, gedopt zu haben.

Aber lange stritt er vehement ab.

Voet: Als ich verhaftet wurde, hatte ich meine Agenda bei mir. Da stand alles drin. Die Polizei wusste genaustens Bescheid. Wer weiss, ob die Fahrer sonst alles zugegeben hätten? Aber angesichts der Fakten konnten sie nicht gut leugnen.

Am Giro vor einem Jahr fuhr Zülle vorne weg, dann brach er ein. Warum?

Voet: Das war so flagrant, dass Doktor Rijckaert, der beim Giro nicht dabei war, genau wissen wollte, was los war. Er nahm eine Blutprobe und sah, dass Zülle enorm viel Cortison genommen hatte. Wenn man viel Cortison nimmt, dann frisst das die Muskeln auf. Das war der Grund für den Einbruch. Alex hatte im Frühling gesehen, wie Dufaux an der Tour de Romandie auf Cortison allen davonflog. Er wollte die gleiche Behandlung und erhielt sie vom spanischen Pfleger Torrontegui. Dabei wäre Alex am Giro unschlagbar gewesen, wenn man besser gearbeitet hätte!

Torrontegui war auch der Pfleger von Toni Rominger.

Voet: Ich kann nichts über Rominger sagen. Sein Arzt war Ferrari. Damit ist alles gesagt. Man darf aber nicht vergessen: Rominger ist ein grosser Champion.

Radsport ist eine der härtesten Sportarten. Braucht es da nicht einfach Doping?

Voet: Doping macht vieles einfacher. Nehmen wir das Beispiel Stundenweltrekord. Um den zu schlagen, muss man sich fast umbringen, man muss eine Stunde lang die Geschwindigkeit halten. 1972 hat Eddie Merckx den Rekord an 50 km/h herangeführt. Ich erinnere mich, wie er sich danach vier Tage lang nicht mehr setzen und kaum essen konnte. Zehn Jahre später überbietet Francesco Moser die 50 km/h, fährt am nächsten Tag nochmals los und bricht den Rekord erneut. Damals begann das moderne Doping. Ohne sind solche Erfolge unmöglich.

Was sind die Vorteile?

Voet: Man hat mehr Kraft, mehr Sauerstoff, ist nicht mehr müde, hat keine vergifteten Muskeln mehr. Früher fühlte ich bei den Fahrern kieselsteinartige Kügelchen in den Muskeln, die man wegmassieren musste. Seit Epo haben sie das kaum mehr. Massage ist nur noch de Luxe.

Seit wann dominiert modernes Doping den Radsport?

Voet: Spätestens seit 1990. Heute sind die Jungs Roboter. Nicht nur wegen des Dopings. Alles ist dermassen ausgeklügelt, alles genaustens ausgemessen, für alles gibt es medizinische Präparate… Früher sagte man, aus einem Esel kann man kein Rennpferd machen. Aber zu Beginn der Neunziger begannen plötzlich Fahrer Rennen zu gewinnen, die schon drei, vier Jahre dabei waren, von denen man vorher aber noch nie gehört hatte. Die arbeiteten mit neuen Dopingmethoden und gewannen alles.

Helfen eigentlich neue Tests, das Doping zu bekämpfen, oder zieht das nur ausgeklügelteres Doping nach sich?

Voet: Die Italiener wollten die 50-Prozent-Hämatokrit-Grenze haben, weil sie, glaube ich, damals schon das neue Produkt PFC hatten. Dann fanden sie aber raus, dass es zu gefährlich ist. Sie haben sich ins eigene Fleisch geschnitten. Festina hatte immer darauf geachtet, dass der Wert bei den Fahrern nie über 54 Prozent lag. Deshalb kam uns die Grenze entgegen, und wir wurden an der Tour 1997 erfolgreich wie nie.

Müsste man Doping erlauben?

Voet: Ich weiss es nicht. Vielleicht sollte man den Profis erlauben, zu nehmen, was sie wollen, und ihnen dabei einfach eine Limite setzen. Gefährlich beim Kampf gegen Doping ist, wenn die Fahrer wieder selber basteln, weil die Ärzte das Risiko scheuen, erwischt zu werden.

In Ihrem Buch erscheinen die Sportler als die treibende Kraft hinter dem Doping.

Voet: Die Fahrer wollten Doping. Festina hatte drei, vier Fahrer, die nicht gedopt haben. Die sind nie unter Druck gesetzt worden. Sie haben natürlich auch nie gewonnen. Ihre Arbeit war es, während der ersten 100 Kilometer den Leader zu unterstützen.

Von den Stars erwartet man, dass sie auch mal gewinnen. Das impliziert Doping.

Voet: Natürlich mussten sie sich dopen, weil die anderen auch gedopt sind. Heute kann man ohne nicht mehr gewinnen.

Die Fahrer sprechen offenbar viel über Doping. Gab es da nie welche, die Widerstand geleistet hätten?

Voet: Klar. Aber viele sind das nicht.

Haben die nie versucht, etwas gegen das verlogene System zu unternehmen?

Voet: Was hätten die machen sollen? Wenn man ein paar wenige gegen hundert ist? Wer zu viel Theater macht, fliegt raus. Und wer stänkert, über den machen sich alle lustig. Das habe ich auch gemacht. Ich gehörte ja zu diesem System. Man kommt dort auch nur sehr schwer rein. Man kann der beste Masseur der Welt sein, ohne Referenzen und Kontakte läuft nichts.

Zu Chemie greifen nicht nur die Fahrer, sondern auch das ganze Umfeld.

Voet: Es gibt immer eine Entschuldigung, sich etwas zu verpassen. Man fühlt sich dermassen gut. Wir haben sehr hart gearbeitet, meist von sechs Uhr morgens bis Mitternacht. Wir sind mit dem Auto täglich 600 Kilometer gefahren. Besser etwas nehmen als übermüdet gegen einen Baum fahren, sagten wir uns. Das gehörte dazu. Wir waren wie eine Sekte.

Auch gefeiert haben Sie gerne mit Drogen.

Voet: Feten waren immer eine Riesenfreude. Während der Rennen können die Fahrer kein Amphetamin nehmen. Aber wenn sich nach grossen Rennen eine Gelegenheit ergab, versammelten wir uns in einem Zimmer, und dann gings hoch zu und her. Das ist wie bei den Jungen, die in die Disco gehen und Ecstasy schlucken.

Hatten Sie das auch?

Voet: Nein, das habe ich nie gesehen. Wir hatten diesen berühmten «Pot belge».

Der – unter anderem – Amphetamin, Koffein, Kokain und Heroin enthält.

Voet: Das wussten wir doch nicht!

Aber Sie wussten, dass er illegal ist, als Sie verhaftet wurden.

Voet: Bei der Verhaftung dachte ich gar nicht an all die Dopingmittel, die ich mit mir führte. Ich dachte nur an den «Pot belge». Einen hatte ich für mich. Den anderen hatte Laurent Dufaux bestellt.

Als Sie mit der französischen Mannschaft in Kolumbien waren, haben Sie auch die Landesspezialität Kokain konsumiert.

Voet: (lacht) Man kann nicht nach Bordeaux fahren und keinen Wein trinken.

Die Fahrer haben mitgekokst?

Voet: Na klar. Aber erst nach dem Rennen. Es war nett, und wir haben viel gelacht. Ich sage das, um klarzumachen, dass wir uns nicht bewusst waren, was wir machten. Man hat einfach alles mitgemacht.

Man kennt das von Bohème-Milieus. Aber Sportler?

Voet: Ich weiss nicht, ob das bei anderen Sportarten auch so ist. Aber ich habe meine Vermutungen. Bordeaux hat kürzlich im Fussball gewonnen. Die haben die ganze Nacht gefeiert und am nächsten Tag wieder gespielt. Die waren in Form!

Hört sich locker an. Gibt es bei ehemaligen Rennfahrern auch Opfer des Doping?

Voet: Einige haben Herzprobleme, einige Krebs, und ein paar sind gestorben. Mit 40! Das ist doch nicht normal. Man kann nicht sagen, dass das vom Doping kommt. Aber auch nicht das Gegenteil.

Die Fahrer brauchen Doping wie Junkies ihre Drogen. Müsste man nicht die Dopingdealer stoppen?

Voet: Der Vergleich ist falsch. Bei Drogen bereichert sich der Dealer, im Sport macht der Dopingkonsument das grosse Geld.

In Frankreich versucht die Sportministerin dem Doping einen Riegel zu schieben. Hat sie damit eine Chance?

Voet: Ja, aber eine sehr kleine. Gut ist, dass die Ministerin nie etwas mit Sport am Hut hatte. Wenn man selber Spitzensport gemacht hat, ist es schwierig, den Kollegen moralisch zu kommen.

Gilt das auch für die Radverbände?

Voet: Das ist doch überall das Gleiche. Die sind aus ehemaligen Fahrern zusammengesetzt und Teil des Milieus.

Ihr Buch beschreibt das sehr spannend. Wurden Sie beim Schreiben unterstützt?

Voet: Ich habe das Buch in drei Monaten geschrieben. Jemand half mir Fakten und Jahreszahlen suchen, und vieles wurde aus juristischen Gründen gestrichen.

Richard Virenque hat einiges abgestritten. Gibt das noch eine Auseinandersetzung?

Voet: Der wird nie etwas gegen mich unternehmen. Er war wie ein Sohn für mich und hat mir immer alles erzählt. Ich weiss alles über ihn. Davon will ich aber nicht profitieren, ich bin kein Schweinehund. Er wird mich nie attackieren, weil er weiss, dass ich noch lang nicht alles erzählt habe.

Wie wird die Tour denn dieses Jahr?

Voet: Man weiss nicht mal, wer mitmacht.

Der Tour-Boykott ist reine Heuchelei.

Voet: Ja. Und ich war einer dieser Heuchler. Wäre ich nicht verhaftet worden, dann würde ich noch heute dazugehören. Mein Sohn ist jetzt 13. Ich habe mich gefragt: Was ist, wenn er Velorennfahrer werden will und mich fragt, ob ich ihm eine Doping-Injektion mache? Ich sagte mir: Nein! Trotzdem habe ich das mit den anderen gemacht. Das tut mir Leid. Um mich zu trösten, sage ich mir, sie wollten es unbedingt haben. Das erleichtert mich dann.

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Radsportstar Virenque beschimpfte lange alle als Lünger, die behaupteten er sei gedopt gewesen. Im Oktober 2000 gab er dann vor Gericht das Doping zu. Er und Willy Voet fielen sich in die Arme, und Voet sagte zu seinem ehemaligen Schützling: „Tu as bien fait, petit!“

Libération vom 25-10-2000 zum Festina Skandal


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