02.07.2011

Tschüss SonntagsZeitungs-Kolumne!

Alles muss mal sterben, alls ist mal obsolet. Kolumnen sowieso. Sie sind beliebt (auf jeden Fall bei den Schreibkräften), und so drängen stets ambitionierte Seelen darauf, endlich selber kolumnieren zu können. Deshalb haben bei Chefwechseln oft die alten Kolunnierer über die Klinge zu springen, um neuen Kräften Platz zu machen. Schon beim Amtsantritt des jetzigen SonntagsZeitungs-Chefredakteurs hatte man vernommen, er wolle jüngere und weiblichere Kolumnisten. (Da kann unsereins beim besten Willen nicht mithalten.) Die Aussage wurde hernach in Abrede gestellt, spielt aber keine Rolle. Ich jedenfalls müsste mutmassen, was meinen Abgang anbelangt, denn weder von der Chefredaktion noch von meiner Ressortleiterin wäre mir je erklärt worden, man sei nicht zufrieden, auch nicht gelegentlich der Kündigung, die sich lediglich in einem dürren drei Zeilen Formbrief nieder schlug. Aber man soll Arbeitsverhältnisse auch nicht romantisieren.
Ganz unglücklich über eine Pause bin ich nicht, meist war die Kolumne immer dann zu schreiben, wenn auch sonst alles zusammen kam, wenn in irgend welchen Hotels das Netz nicht funktionierte oder der Strom unterbrochen war, wenn Festivitäten in Serie lockten oder das Privatleben in Flammen stand. Mühselig war, dass jedes Mal eine andere Kolumen-Länge galt und das Ding zwischen 1500 bis 3200 Zeichen schwankte. Das erfordert dann komplett andere Geschichten, so dass man kaum je im Voraus texten konnte.
Kolumnen schreibe ich seit zwanzig Jahren, 1998 gründete ich mit Freunden das Stadtmagazin Nizza, wo ich eine boshafte Klatschkolumne hatte und eine Erfahrung machte, die sich durch all die Jahre hindurch ziehen sollte: Eine spitze Bemerkung, die man in einem Presseerzeugnis macht reicht oft aus, dass einem Leute über Jahrzehnte als Feinde verbunden bleiben. Das gilt erst recht, wenn man nicht nur spitz bemerkt, sondern zuweilen lustvoll mit der Motorsäge hantiert.
Eine Kolumne, die ich vor sehr langer Zeit im Züritipp bestritt, kippte damals Chefredakteur De Weck, weil ich spottete, dass Tamedia (die damals wahrscheinlich anders hiess) alle Putzfrauen rauswarf und gerade stolz die satten Gewinne auswies. Mit HG Hildebrandt schrieb ich eine Kolumne für die Schweizer Familie (äh, Woche, wie – HG – s. u. mich korrigiert) , bis die das Zeitliche segnete, es gab Kolumnen bei Bonus, bei Kult, eine Video-Kolumne beim Kulturpaltz und in der NZZ eine Technikkolumne namens „Der Elektronomade“. Die musste ich selber künden, nachdem die entsprechende Ressortleiterin sich nicht entblödet hatte, den als Zitat ausgewiesen ersten Satz aus Musils „Mann ohne Eigenschaften“ nämlich „Woraus bemerkenswerterweise nichts herovrgeht„ zu redigieren. Kurzum, Kolumnen kommen und gehen, mir eilt’s grad nicht. Sporadisch werde ich für diesem Blog in die Tasten hauen, eventuell finde ich mal noch Zeit, die gesammelten Reiseanekdoten zusammen hängend zu erzählen, ausserdem will ein Buch über sowjetische Mosaike in Georgien endlich fertig geschrieben werden, im Winter ist in Mexiko ein Dokfilm-Essay zu Ende zu drehen, da und dort stehen Ausstellungen für fotographische Arbeiten auf dem Plan, kurzum, ich werde auch künftig öffentlich Laut geben und weiterhin narzisstische Gratifikationsgewinne einfahren dürfen. Entsprechend danke ich fürs wohlwollende Interesse.


P.S. 1
Ein Mikroersatz hat sich schon eingestellt, eine Kolumne wird künftig in „Der Arbeitgeber“ erscheinen. Nachdem mir meine Dentalhygienikerin erklärt hatte, sie lese mich nicht, weil sie lieber die NZZ am Sonntag als die SonntagsZeitung lese, ist es wohl Zeit auf sich an ein wenig höher positionierte Publikationen ran zu schmeissen.

P.S.2
Zur Kolumne damals in der Schweizer Woche gehörten Fotos mit wahnsinnig schrillen Outfts, die Willy Spiller schoss und die so aus sahen. (Wir waren jung und brauchten die Aufmerksamkeit.)


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