02.07.2011  _  Fotos + Kolumne + Dichtestress + zehn Millionen Schweiz Facebook Kommentare 2

Das „Der Zug ist voll“-Syndrom

Die Kolumne aus der SonntagsZeitung vom 3.6.2011

„Ja, ich will!“ Wenn Sie mich fragen, und das unterstelle ich ihnen kraft meiner Tastatur, wenn Sie mich also fragen, ob ich eine Schweiz mit zehn Millionen Einwohnern will, antworte ich überzeugt „Ja“! Die Frage geistert durch die Debatte, aufgeworfen von zwei Autoren, die in düsteren Farben ausmalen, was alles dräut, falls man die Einwanderung nicht stoppe. Als gut abgehangene Boulevardprofis haben die Autoren ein feines Sensorium für Thesen, die der Kundschaft wohlige Schauer verschaffen. Und liegen damit richtig.
Bis in Milieus, die sonst recht entspannt sind, vernebelt inzwischen die Angst vor Zuwanderung die Köpfe. Gejammert wird wegen dreierlei: Erstens, weil Ausländer jetzt auch in gehobenen Berufen arbeiten. Mir fällt dazu der brillante deutschen Philosoph Lübbe ein, bei dem zu studieren ich das Privileg hatte. Und auf Anhieb wüsste ich diverse Beispiele wo mediokre Schweizer zu Recht durch tüchtigere Leute ersetzt worden sind.
Zweitens geht die Klage, dass Stadtwohnungen zu teuer und der Boden endlich sei. Natürlich sind die Wohnungen zu teuer. So prüft unsereins gerade, ob das Westeuropahauptquartier nicht besser nach Wien verlegt würde. Der hohe Preis hängt stark mit der fortschrittsvserdrossen Linken zusammen, die bei jeder Baumhütte, die abgebrochen wird, aufheult, es würden „gewachsene Strukturen“ zerstört. Anstatt dass man einfach mehr, und vor allem in die Höhe bauen würde. Und Boden ist knapp, wenn man bloss in Einfamilienhäusern und viergeschossigen Genossenschaftsbauten denken kann, nicht aber, wenn man sich Städte wie Hong Kong vor Augen hält.
Drittens ist die „Das Boot ist voll“-Paranoia zurück. Sie heisst jetzt: „Der Zug ist voll“. Naheliegend wäre ja, mehr Wagons und höheren Takt zu fordern. Was wir mit den Steuereinnahmen berappen ist offen. Man kann Maurers Ueli Militärjets shoppen lassen und jedes Jahr über vier Milliarden bei den Bauern, der Schmarotzerklasse par exellence, verlochen. Oder man könnte Swissmetro bauen und in einer Viertelstunde von Bern nach Zürich fahren. Der Zug ist nicht voll, er fährt einfach zu wenig. Trotzdem geistert das Unwort vom „Dichtestress“ herum bis zur grünen Partei, die damit das Erbe Valentin Oehens und der Natnonalen Aktion antritt. Ich murre dann: Reist doch mal nach Taipeh, Paris oder Mexiko Stadt, ihr Kretins! Ginge es nach mir, ich wollte nicht die zehn Millionen Schweiz, ich wollte ein zehn Millionen Zürich.


Hiermit verabschiede ich mich nach sieben Kolumnisten-Jahren bei der SonntagsZeitung und danke für die Aufmerksamkeit.

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Lustig war, dass am Montag nachdem diese Kolumne kam praktisch das Gleiche, einfach braver formuliert, auf der Meinungsseite des TagesAnzeigers stand. Wobei Kommentator Büttner das Ding wahrscheinlich schon am Samstag geliefert hatte.
Wer’s noch ein wenig ausführlicher durch argumentiert haben möchte, dem sei ein lesenswerter Artikel aus der Bilanz empfohlen.

P.S.
Ich mag ja sprachlich hypersensibel sein, aber als ich das da sah, dachte ich: Jetzt fängt die Migros auch schon damit an. Oder ist das gar als eine Anbiederung an die grossdeutsche Kundschaft zu verstehen?

Lebensraum! Im Osten der Migros-Kasse.

P.S.2.
Die NZZ stellt klar, wie sich das mit dem vollen Zug genau verhält.

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