07.05.2011  _  Fotos + Kolumne + Ferienwohnung + Georgien + Sowjetunion + Tbilsi + Tiflis Facebook Kommentare 4

Die Operation misslang. Der Charismatiker verschied. Oder: Wie ich einmal in Tiflis eine Wohnung kaufte.

Die Kolumne aus der SonntagsZeitung vom 6.7.2011

Mit Grausen denke ich an die Scherereien, die meine Mutter mit ihrem griechischen Ferienhaus hatte. Für mich stand immer fest: Nie wieder Ferienhaus! Dann kauften Freunde rechtzeitig Wohnungen in Berlin, Prag oder Budapest, und ich dachte oft: Das hätte ich auch tun sollen. Letztes Jahr stand ich in Tiflis in einer wohlfeilen Altbauwohnung, allerbeste Lage, neunzig Quadratmeter, vier Meter hohe Räume, letzte Etage, Balkon. Ein Grossbürgerhaus unter Denkmalschutz, dessen Wohnungen von den Sowjets in zwei geschnitten wurden, weshalb der Gang mit den Nachbarn geteilt wird. Genauso wie das Klo.

Tbilisi, Tabidze

Letze Etage mit Balkon


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Balkon

Balkon


Aussicht


Das Schlafzimmer


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Der Verkäufer, ein charismatischer älterer Herr, versprach, mir beim Einbau eines Bades zur Seite zu stehen. Für den schwachsinnigen Verwandten, der dort hauste, habe er eine neue Wohnung. Wegen einer Operation müsse er noch nach Israel, danach sei er für mich da.
Ich kaufte. Die Operation misslang. Der Charismatiker verschied. Ohne dessen Autorität wandelte sich der schwachsinnige Verwandte vom netten und ruhigen Zeitgenossen zum renitenten Auszugsboykotteur. Ich sah mich schon in der Boulevardpresse: „Herzloser West-Geldsack wirft Behinderten auf die Strasse.“ Also redete meine georgische Vertrauensperson, eine studierte Psychologin, wochenlang auf den Mann sowie die weitere Verwandschaft ein, bis die Wohnung übergegben wurde.
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Ohne Charismatiker war auch das subtil austarierte Beziehungsnetz mit der Nachbarschaft aus dem Lot. Als meine Sanitär-Bastler das Bad einbauen wollten, stellte sich die Hausquerulantin quer und schluchzte, heimisches Kulturgut müsse gegen fremde Vandalen verteidigt werden. Ein Tipp an die Behörden machte aus meiner Renovation eine offizielle Sache. Deshalb brauchte es ein kunsthistorisches Gutachten, eine Fotodokumentation, architektonische Pläne, diverse Sitzungen sowie viel Geduld. Derweil wurde ich Spezialist für postsowjetische Sanitär-Verhältnisse. Die beiden Familien von gegenüber beispielsweise haben individuelle Klos. Allerdings stehen die zwei Schüsseln nebeneinander auf einem Podest (Abfliesshöhe!), so dass man morgens, zur Bad-Rashhour, Seite an Seite sitzen und simultan, ja synchron defäkieren kann.

Postsowjetische Klos: Individuell betrieben, räumlich vereint


Aus dem kunsthistorischen Gutachten

Aus dem kunsthistorischen Gutachten


Für mein Klo fehlt mir nur noch die Unterschrift einer Nachbarin. Für die zog ich alle Register. Mit Pathos wie ich es von den Tamadas, den Toastmastern an georgischen Banketten abgeschaut hatte. Ich erklärte meine Liebe zum Land und Volke Georgiens, besang die Gastfreundschaft, lobte Tafelfreuden und Wein. Ich versprach, meinen Landsleuten dieses Juwel zu zeigen, wofür ich aber, bitteschön, ein separates Scheisshaus benötige. Mit warmem Lächeln schob ich eine Gross-Packung Lindt-Schockolädchen nach. Dass die Nachbarin nicht mehr kategorisch Nein sagt, feierte ich als grossen Sieg.
Mag eine Ferienimmobilie auch kein Hort der Entspannung sein, so ist sie doch das ideale Medium, um sich mit den Finessen einer fremden Kultur vertraut zu machen.

Vermietung (ca. ab 2019)

STATUS QUO:

Blick ins ehemalige Schlafzimmer



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