23.04.2011  _  Fotos + Kolumne Facebook Kommentare 4

Azyklisch in Abchasien

Die Kolumne aus der SonntagsZeitung vom 24.4.2011

Als Reisender bevorzuge ich das Azyklische. Worum der gemeine Tourist einen grossen Bogen macht, da fahre ich hin. Den Libanon besuchte ich als Israel sporadisch bombardierte, und Touristen als Helden galten. Während der zweiten Intifada war ich in Israel, und beschritt praktisch alleine den Kreuzgang. (Dass die Behörden meinen Koffer sprengten war bedauerlich, bescherte mir aber eine hübsche Anekdote.) Kürzlich war ich in Acapulco, wo wegen des Drogenkrieges kaum Gäste kommen, man aber wie ein König behandelt wird. Und stünde mir der Sinn jetzt nach Ferien, so reiste ich stracks nach Tunesien oder Ägypten.
Nun arbeite ich an einem Buch über sowjetische Mosaiken in der Schwarzmeerregion und wollte deshalb auch Abchasien, der abtrünnigen oder ehemaligen georgischen Provinz am schwarzen Meer, die sich zum Staat erklärt hat, und bislang von Russland, Nicaragua, Venezuela und einem dieser Inselstaaten anerkannt ist. Während der Sowjetzeit hatte Stalin dort mehrere Datschen, die Gegend galt als „rote Riveria“ und „tropisches Paradies“. Dann folgten kriegerische Wirren, und bis heute rät das EDA von Reisen dringend ab. Perfekt für azyklsichen Tourismus, dachte ich, als ich meine Badehose in den Koffer schmiss.
Nun besteht Georigen darauf, dass man nach Abchasien nur via Georgien ein- und ausreist, was ich – brav wie ich bin – selbstverständlich befolgte. So fand ich mich an der Waffenstillstandslinie/Grenze wieder, wo ein Westler, dessen grosser Rimova-Koffer über den Asphalt scheppert, eine kleine Sensation ist. Entsprechend galt es den georgischen Behörden zu erklären, was man hier macht. Zum Glück spricht meine Koautorin Alena Boika Russisch, ohne das man hier verloren wäre. Boika erklärte und erklärte und erklärte, derweil ich ein wenig bang die schrankgrossen Kerls beäugte, die sich sehr für unsere Koffer zu interessieren schienen. (Ich mag in so Momenten kaum dran denken, wie viele Durchschnittslöhne in meinem Rucksack stecken in Form von Kameras, dem schnittigen Laptop und dem brandneuen Smartphone.) Dann durften wir ins Niemandsland los und wählten Businessclass: Ein Pferdefuhrwerk, dass wir mit Kartons voll „Frozen Fish/Newzealand“ teilten. (Das Meer dort ist nicht nur schwarz, es ist auch ziemlich tot.)

Es hagelte, und ich verfluchte mich, dass ich das grosszügige Angebot meines georgischen Fahrers, mir seine Jacke zu überlassen, mit Verweis aus seinen Schnupfen ebenso grossmütig ausgeschlagen hatte. „In zwei Stunden flaniere ich ja eh an der roten Riviera“, hatte ich mir gesagt.

Dann steckten wir am Posten der Abchasier fest und froren bitterlich. Es stellte sich heraus, dass die Information aus dem abchasischen Aussenministerium, dass eine Weissrussin keinen Visaantrag brauche, falsch gewesen war. Mit beträchtlichen Roaming-Kosten und dank diplomatischer Interventionen von Turgut, bei dessen Frau Julie ich in Zürich Sandwichs kaufe, kamen wir dann noch über die Grenze. Dummerweise war der georderte Fahrer statt hier, an der Grenze/Waffenstillstandslinie zu Georgien, an die russische Grenze gefahren. So verfügten wir uns in die einzige Kneipe, wo schwere Trinker beim Vodka sassen, und mich sofort an Ihren Tisch luden.
In Suchum/i (Suchumi ist die korrekte georgische Bezeichnung, Suchum ist russisch und wird von den Abchasiern bevorzugt), in der Hauptstadt also, lieft mir ein gestrandeter Journalist des Playboy zu, der – passend – noch weniger Textilien bei sich hat als ich, und der mich sofort anpumpte, weil Kreditkarten in Abchasien nicht funktionieren. Der Mann schreibt sonst Romane und recherchiert eine Geschichte über die Affen-Kolonie. Die Affen spielten eine Rolle in einem stalinistischen Geheimprojekt als man versuchte, Affen und Menschen zu kreuzen, um eine Art Arbeitsrasse her zu stellen. Für die Versuche wurden Gefangene des stalinistischen Terrors verwendet, für Details hoffe ich auf den Playboy.
Dann kam ein Anruf, dass der geglückte Grenzübergang nachträglich legalisiert werden müsse. Und es startete ein Hindernislauf durch die kafkaesken Mühlen der Bürokratie. So ein Fall war noch nicht vorgekommen und wir landeten bei einem höflichen Menschen der Sicherheitstruppe, der uns in einem Verhörzimmer genaustens ausfrage. Das heisst, Alena Boika ausfragte, weil ich kein Russisch und die Behörde kein Englisch kann.
Wie schön die Gegend sein könnte, lässt sich leicht ausmalen. Aber seit ich hier bin, schüttet es, und unsereins friert sich den Allerwertesten ab. Heiss wurde mir bloss, als beim Markt ein aufgebrachter Pulk uns als „gruschni spion“, als georgische Spione enttarnt zu haben glaubte.
Und reumütig muss ich dem gemeinen Touristen attestieren, dass er weise handelt, wenn er nicht ausgerechnet im April nach Abchasien fährt.
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Inzwischen ist mit dem Behörden alles im Reinen, morgen geht’s zurück nach Georgien, bzw. georgisch Georgien, wir beten, die Grenzgötter mögen uns günstig gestimmt sein. Und werden aussergewöhnliche Vorfälle getreulich hier vermelden sowie Fotos hochchladen – sobald es wieder anständiges Web gibt.


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