30.01.2011  _  Kolumne + Graphologie + Handschrift + Handschriftlichkeit + testament Facebook

Mein Video-Testament oder warum Handschrift obsolet ist.

Die Kolumne aus der SonntagsZeitung vom 30.1.2011

Weil man plötzlich dem falschen Tunichtgut über den Weg laufen kann, wollte ich, bevor ich nach Mexiko ins Winterexil abzischen würde, noch schnell mein Testament machen. Ich tippte, druckte aus und fuhr zwecks Beglaubigung zum Notariat. Fehlanzeige! Obwohl ich leibhaftig, Herr all meiner Sinne und mit Ausweisen gewappnet im Notariat stand, wollte man meinen Willen nicht beglaubigen lassen. Zwingend müsste alles handschriftlich sein. So sprach ich meine letzten Verfügungen halt in meine Kamera und brannte eine DVD. Aber auch das, musste ich mich belehren lassen, entspräche nicht den Anforderungen. Wegen fehlender Handschriftlichkeit.
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Schon immer stand ich mit der Schreiberei auf Kriegsfuss. Meine Primarschultage waren getrübt vom Kampf mit der Füllfeder und von Tintenflecken in Heften, an Händen und Klamotten. Da half auch ein extra grosser Tintenlumpen nix. Die Schreibnoten waren mies, es haperte an Leserlichkeit. So musste ich im Gymnasium von Schnürlischrift auf Druckbuchstaben umsteigen. Schreibe ich heute handschriftliche Notizen, so kann die kein Mensch entziffern. Mich eingeschlossen. Kunststück! Ich schreibe ja auch kaum mehr von Hand. Alles tippe ich fix in meinen Computer oder ins Smartphone.
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Von Hand zu schreiben erscheint mir wie Feuer machen, Reiten oder Jagen: Grosse Kulturtechniken, die beim heutigen Stand des Fortschritts obsolet sind, und eine Berechtigung nur noch als Spleen oder Liebhaberei haben. Wie anachronistisch Handschrift heute ist, belegen all die Zeitgenossen, die sich mit einer schicken Füllfeder schmücken, um Distinktionsgewinne einzufahren. Das sei ihnen unbenommen; als Norm aber ist die Handschreiberei passé.
Umso absurder mutete damit die spezifisch schweizerische Scharlatanerie der Graphologie an, die bis vor kurzem noch bei mancher Personalabteilungen im Schwange war. Würde man mich graphologisch begutachten, käme wahrscheinlich heraus, ich sei der Antichrist und damit für eine Anstellung leider ungeeignet.
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„Handschrift ist abzuschaffen, wie zuvor Tontafeln, Rauchzeichen oder andere obskure Techniken“ forderte Anne Trubek in der NZZ. Spiegel.de zitierte die National Academies of Sciences, dergemäss in den USA jährlich 7000 Patienten sterben, weil ihre Ärtze unleserliche Rezepte ausstellten. Worauf dann wieder jede Menge unleserliche Testamente anfallen. Weder das Testament meines Grossvaters, noch das meines Vaters lassen sich anständig lesen, und meines wäre so undechiffrierbar, dass ich es eben so gut bleiben lassen kann. Drum hergehört, Parlamentarier! Mit einer zeitgemässen, Handschrift unabhängigen Regelung in Sachen Testamente kännten Sie sich – vorübergehend – ein wenig unsterblich und nützlich machen.

Nachtrag: Im Netz stolpere ich eben noch über einen Artikel von Michèle Binswanger, die berichtet, Umberto Eco bedauere das Verschwinden der Handschrift. Also: Gleiche Diagnose, andere Bewertung.


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