14.11.2010  _  Folio + Presserat + Tod + Tote + Verbote + VZO Facebook

Sensibelchen-Society

Kolumne aus der SonntagsZeitung vom 26.06.2005 aus gegebenem Anlass hervorgekramt

Heute wurde ich Opfer brachialer Gewalt. Mein Gefühl für Common sense wurde schwer verletzt, als ich las, die Zeitschrift «Folio» sei vom Presserat gerügt worden, weil sie die Foto des abgesprengten Kopfes einer Selbstmordattentäterin publiziert habe. Damit sei die Menschenwürde der Attentäterin verletzt worden. Freilich, Frau Märtyrerin sitzt ja jetzt im Märtyrerhimmel. Da winken nicht nur 40 Jungfrauen (bei Damen wahlweise die Chippendales), sondern auch ganz viele Zeitschriftenabos. Mit Pipo, ihrem Lieblingschippendale, blätterte sie in «Folio» als sie plötzlich ihr Konterfei erblickte. «Parbleu», entfuhr es ihr, «da seh ich ja wieder sehr unvorteilhaft und menschenwürdeverletzt aus!»

Der Presserat argumentiert: «Die Menschenwürde verbietet die entwürdigende Behandlung und Bestrafung von Verbrechern.» Die Vorschrift bezweckt aber den Schutz lebender Menschen vor dem, was ihnen in Guantánamo oder den Kerkern auf Castros Kubas angetan wird. Ihr Sinn ist nicht der Schutz von Leichenteilen. Einmal ganz abgesehen davon, dass jemand, der sich für eine Sache in die Luft zu sprengen bereit ist, wohl auch hofft, dass das das eigene Beispiel etwa per Fotographie Kunde davon geben wird, wie Ernst es einem war.

Aber nicht nur die „Würde der Verbrecherin“ sieht der Presserat gefährdert, nein, auch die hundskommunen «Folio»-Leser: Das «grässliche Bild überfällt sie mit der ihm eigenen Gewalt. Es nimmt keine Rücksicht auf die individuellen Grenzen der Intimsphäre.»

Herr Kommissar, gebe zu Protokoll, ich wurde überfallen. Jawoll, unter Anwendung von Gewalt! Doch! Es war ein Foto! Und intim werden wollt’s auch noch!

Das Räsonnement des Presserats gehört zur immer heftiger um sich greifenden Sensibelchen-Society, in der Eiferer mit Begriffshülsen wie Würde und Respekt ihre Verbote durchsetzen. Ob in den USA die religiöse Rechte Schulbücher, Medien und Rockmusik kujoniert und säubert, weil Gefühle verletzt würden, ob in Artikeln plötzlich Wörter mit Sternchen stehen, etwa «f*****» statt «ficken», ob MTV Fluchwörter mit Piepsern zensiert, überall ist derselbe Wahn am Werk.

So las ich heute auch, in der Werbekampagne der VZO (Verkehrsbetriebe Zürich und Oberland) sei eine Bäuerin erst mit Ferkel, dann mit einem Wurstkranz abgebildet worden. Auf den Vorwurf, das sei ja «tierverachtend», haben die VZO das Sujet zurückgezogen und sich eilfertig entschuldigt. Ich erwarte schon die Entschuldigung von Findus für diese fischverachtenden Fotos auf der Fischstäbchenverpackung. Wenigstens hat die Kartoffel eine Lobby, in England nämlich haben Bauern demonstriert und gefordert, der Begriff «couch potatoe» (Sofakartoffel) sei zu bannen, weil damit die Knollenfrucht schlecht gemacht würde.

Als bekennendem Menschen-, Tier- und Kartoffelverächter scheint mir zuweilen, ich lebte unter lauter Verrückten.


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