12.09.2010  _  Kolumne + Chinkali + Georgien + Tbilisi Facebook

Rabiate Gastfreundschaft in Georgien

Die Kolumne aus der SonntagsZeitung vom 12.09.2010

„Du bist nicht in der Schweiz, Haemmerli!“ sagte mein Übersetzter vorwurfsvoll. Ich sah’s ja ein. Obzwar Georgien zum Abendland zählt, lappt der Zeitbegriff schon sehr ins Orientalische hinein. Hopphopp, schnellschnell und hocheffizient, das geht hier nicht. Und warum sollte es auch? Der Georgier hat ja alle Zeit der Welt. Die er gerne verbummelt, am liebsten mit Gästen. Dann fuhrwerkt das Weibsvolk in der Küche als gälte es den Welthunger zu besiegen. Leibgericht sind Chinkali, eine Art Riesenravioli, gefüllt mit Hackfleisch und heissem Sud, der in alle Richtungen spritzt, sobald ein Tourist hineinschneidet, sticht oder beisst. Jeden Trinkspruch beendet ein „Gaumardjus!“, worauf tunlichst die randvollen Wein- und die kleinen Schnapsgläser zu leeren sind. Man trinkt auf Gott, aufs Vaterland, aufs eigene, aufs fremde, auf die Familie, auf die Frauen, auf die Unternehmungen, auf jeden Anwesenden, kurzum, man trinkt und prostet in einem fort; unsereiner schüttet dazu Khinkalisud auf Tischtuch, Hose und Sitznachbarn.
Georgierfeiern sind charmant, diesmal aber wollte ich mich davonstehlen und sofort in die Hauptstadt zurück. Ich war seit dem Morgen auf einer Landpartie, deren Organisatoren sich aus dem Staub gemacht hatten, um Essen zu organisieren. Es würde, wegen dem georgischen Zeitempfinden, später Abend werden, bis das Festbankett begänne und mitten in der Nacht würden wir nach Tbilisi zurückfahren. Also stapfte ich los. Ich wollte am Dorfausgang einen Wagen anhalten. Doch ich hatte meine Rechnung ohne den Georgier gemacht.
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Schon beim dritten Bauernhaus, an dem ich vorbeimarschierte, stürzte der Hausherr freudig auf mich zu, packte mich am Arm und verschleppte mich in seinen Weinkeller. Dort nötigte er mich, aus grossen Bierkrügen seine selbstgemachten Weine durch zu probieren. Weiss und süss. Weiss und herb. Rot und süss, rot und herb, dieses Jahr, letztes Jahr und so fort. Sie schmecken ja nicht schlecht, diese trüben Hausweine, die in Georgien allerorten fabriziert werden. Trotzdem will man nicht einen vollen Humpen um den anderen in sich hineinschütten. Das heisst: Ich wollte nicht. Der Bauer, begeistert davon einen exotischen Fremdling zu bewirten, leerte Glas um Glas, packte mich immer enthusiastischer und rief „Gaumardjus! Gaumardjus!“ Das hiess: „Trink aus, Mensch! Wir nehmen noch einen!“ Ich drängelte zum Ausgang, ich zeigte zur Strasse, tippte auf meine Uhr, allein, es half alles nichts. Wir waren ja noch nicht einmal bei seinem Eigenbränden angelangt.
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Dass ich partout nicht zum Essen bleiben wollte, enttäuschte den Bauernsmann. Er belud mich mit Geschenken, und ich wankte von dannen, beladen mit Plastiktüten voll Gemüse, Plastiktüten voller Früchte und Plastiktüten für die mit Hauswein gefüllten Fanta-Zweiliter-Petflaschen. Weit kam ich damit nicht. Schon bald erspähte mich der nächste Gastfreund und zog mich – keine Widerrede! – in sein Heim.
Ich liess jedweden Plan sausen, prostete mich durchs Sortiment, wurde reichlich gefüttert und beschenkt, bevor ich gegen zehn Uhr ans Bankett torkelte. Spät nachts im Bus schmetterten wir, alle voll wie die Strandhaubitzen, endlos im Chor das einzige Lied, das alle konnten: „My bonny is over the ocean“. Ich dachte: „Ein Gaumardjus auf rabiate Gastfreundschaft! Gut bin ich nicht in der Schweiz.“

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Der Übersetzer, Chauffeur, Reisebegleiter und Mann meines Vertrauens heisst übrigens Jago Arabuli, spricht perfekt deutsch und geleitet einen sicher durch alle kaukasischen Fährnisse.
Kontakt: www.kaukasus-tour.de


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