18.07.2010  _  Kolumne + Hundsfott + Polanski + Selbstjustiz + Strafrecht + Velodieb Facebook Kommentare 2

Fehde! Rache! Todestrafe!

Die Kolumne aus der SonntagsZeitung vom 18.07.2010

Weil es so heiss ist schlafe ich bei offenen Fenstern, schlafe, bis der Club um die Ecke schliesst und die jungen Trunkenbolde zum Auto wanken und noch etwas lärmen. Dann ist mir nicht gut Kirschen essen. Enragiert liege ich in den Laken und denke: Kreisch nicht so, Schnepfe! Stereoanlage aus, Hundsfott! Schnauze halten, Troglodyt! Ich liege da, und sehne mich nach dem Sturmgewehr, dass ich vor so vielen Jahren abgegeben habe, statt es – wie angeboten – käuflich zu erwerben. Ich hätts auch gebraucht als neulich zwei Depperte mit einer viel zu kleinen Zange Veloschlösser zu knacken versuchten. Es blieb mir nix übrig als mit dem Fotoapparat zu blitzen, um die Kerls in de Flucht zu schlagen. Und als mir das letzte Mal das Fahrrad abhanden kam, war ich dermassen in Rage, dass ich nicht nur für die Wiedereinführung der Todesstrafe, sondern auch entschieden der Auffassung war, Fahrraddiebe müsste man an öffentlichen Plätzen sämtliche Knochen brechen, um sie hernach zwischen die Speichen eines Rennrads zu flechten.
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Irgendwann fahren Schnepfe, Hundsfott und Troglodyt doch noch nach Hause. Ich schlafe wieder ein, und bin anderntags froh, dass mir kein Gewehr wertvollen Stauraum verstellt. Und: Jedes Mal, wenn ich ein neues, besseres Velo erworben habe, scheint mir, ein erwischter Veloklauer gehörte zwar bestraft (rein hypothetisch, wenn Velodiebstahl ein Delikt, wäre, dass der Polizei mehr als ein müdes Arschrunzeln entlockte), aber so arg sei es nun auch wieder nicht. Breche doch, wer noch nie etwas geklaut hat, den ersten Fingerknochen.
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Kurzum, jeder der gerade von Delikten betroffen ist oder zu sein meint, verfällt gerne Affekten, die ihn als Anführer blutiger Fehden und Rachefeldzüge empfehlen. Augenscheinlich war das in der Causa Polanski anlässlich derer gerne Meinungen abgesondert wurden, die mit der Präambel anhuben: „Ich als Vater…“ Jeder „Ich-als-Vater“ malte sich aus, wie Scheusal-Polanski über die eigenen Kleinen herfällt und entsprechend erhellend waren dann die Voten.
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Emotionalisierte Mitmenschen sind zurechnungsunfähig: Von „Ich als Vater“ über „Ich als aus dem Schlaf gerissener“ bis zu den „Ich als Polterer“-SVPlern, die momentan grauslige Fälle beschwören, damit der Zorn genügend Schwung erreicht, um jeden aus dem Land werfen zu können, der einmal zu viel schwarz fährt. Ganz abgesehen davon, für vernünftige Straf-Debatten ist es eh viel zu heiss.

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