22.11.2009  _  Kolumne Facebook Kommentare 6

Nieder mit Bolognese!

Die Kolumne aus der SonntagsZeitung vom 22.11.2009

Es war Frühling 1989, der Ostblock welkte, und in Berlin revoltierten die Studenten. In Sachen Theorie und Politik modebewusst, beriefen auch Zürichs Studis eine Versammlung ein. Gelangweilt nahm ich teil. Schulpolitik hatte mich nie interessiert, und weil ich schon an den Achtziger-Feldzügen teilgenommen hatte, verstand ich mich als abgebrühten Revolteveteranen. Dann landete ich in an einer Vollversammlung in der Aula, wo gerade diskutiert wurde, ob man den Lichthof besetzen solle. Manche mahnende Stimmen warnte davor, mit einer Besetzung in die Illegalität abzugleiten. Weil mich der Hafer stach, stellte ich mich als gerichtlich beglaubigten Hausbesetzer vor, erklärte, dass es keinen Straftatbestand «Besetzung» gäbe, sondern höchstens Hausfriedensbruch, was aber bei Studis, die ja eh an die Uni gehörten, nicht griffe. Der Lichthof wurde besetzt. Ich avancierte zum Grossmaul der Unitopie-Bewegung.

Mit Wehmut erinnere ich mich an menschliche Nähe, ja, Wärme gelegentlich des Sleep-in im germanistischen Seminar. Der äusserst ungeschickt agierende Rektor, Hans Heinrich Schmid, gab ein prächtiges Feindbild ab, ansonsten weiss ich nicht mehr, was wir bekämpften. Vermutlich die Verschulung sowie Gebühren, auf jeden Fall aber Hans Heinrich Schmid. So vertrödelte ich zwei Semester.

Trotzdem möchte ich die Unitopie nicht missen. Und beschwöre jeden Studiosus: Entkommen Sie der Bolognese-Fachidiotie! Werden Sie konkret! Fordern Sie! Demonstrieren Sie! Boykottieren Sie! Organisieren Sie Sleep-ins! Denn: Revolten sind seriöses Networking (kürzlich war ich in fernen Landen Gast eines Diplomaten, mit dem mich justament die Unitopie verbindet); besonders, wenn man es weniger mit Bier, Käppis und Verbindungsschnickschnack hat. Die langfädigen, nutzlosen Debatten in Ad-hoc-Arbeitsgruppen bereiten einen perfekt vor auf Redaktionskonferenzen, Steuerungsausschüsse und VR-Sitzungen. Und die Unmöglichkeit, gegen das bürokratische Monster zu siegen, lehrt einen die Zen-Weisheit: «S Wichtigscht isch: Mitmachä und dä Plausch ha!» (Z. B.: Sleep-in! Knuffknuff!)

Investieren Sie also langfristig! Wenn 2039 Studis gegen die Kalkutta-Reform aufbegehren werden, dann können Sie sich in rührseligen Reminiszenzen an 2010 suhlen, derweil der Streber, der damals brav das Seminar «Neuere Tendenzen der Pentateuch-Rezeption» absolvierte, wieder nix zu sagen hat. Ceterum censeo Hans Heinrich Schmid esse delendum.

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1989 Unitopie Alle Vorlesungen sind abgesagt
P.S.
Damals war ich in der Mediengruppe und wahrscheinlich habe ich deshalb noch ein paar Fotos. Keine Ahnung, von wem die sind, aber falls es wer noch wüsste: Bitte melden. Und falls sonst noch jemand Fotos von damals hat: Ich lade sie gerne hier auf die Seite.

Charismatische Unitopie Chefin Erika Hebeisen

Charismatische Unitopie Chefin



Rechts Alexander und Constantin Seibt, stehend Thorsten Stecher

Rechts Alexander und Constantin Seibt, stehend Thorsten Stecher


Meine Sonntagskolumne schreibe ich jeweils Mittwochnacht und gebe sie am Donnerstag ab. Am Freitag las ich dann einen Kommentar von Constantin Seibt, den ich seit der Unitopie kenne. Bis in die Wortwahl gleicht Constis Kommentar meiner Erfahrung.

1989 Unitopie Konzert im besetzten Seminar

1989 Unitopie Konzert im besetzten Seminar mit u.a. DJ Styropor

Gleichzeitig zur Unitopie war die Wo-Wo-Wohingä Bewegung, mit der man sich zuweilen vermischte. So kam das Kapital schlagen-Transpi ans Konzert im besetzten Seminar der Uni. Auf der Bild: DJ Styropor aka Styro 2000, die heutige Gewerkschaftsfunktionärin Ursula Häberlin udn Samuel Iseli, der erst kürzlich als Gründer des Kurierdienstes Veloblitz durch die Medien geisterte.

PS 2:
Weil ich meinen ganzen Papierkram gescannt habe, ist so manches noch da. So die Unitopie-Zeitschrift Unikum. Mir scheint, das war eine Publikation des linken Studentenverbandes VSU, die wir übernehmen konnten. Darin stellen sich die Arbeitsgruppen vor, Andrea Caprez hatte mir ein schmissiges Titelbild gezeichnet, Emanuel Tschumi dürfte gelayoutet haben. Es klingt von sehr fern, wenn ich meinen schwärmerischen Text „Grau ist alle Theorie“ wieder lese, den ich ihn der Absicht geschrieben hatte, neuen Teilnehmern vor allem gute Grooves, statt Arbeitsgruppendebatten in Ausicht zu stellen. Und dann staunt man doch, wie viele AGs es gab und was da alles gemacht wurde. Die schwullesbische Gruppe zart & heftig gibt es übrigens noch heute.

Titelblatt mit Zeichnung von Andrea Caprez

Titelblatt mit Zeichnung von Andrea Caprez



1989 Edito Unikum

1989 Edito Unikum



Unikum'''

Unikum''''

AG Frauen

AG Frauen



AG Mitbestimmung

AG Mitbestimmung



AG Sponsorin AusländerInnen

AG Sponsorin AusländerInnen



Wohnungsnot und zart & heftig

Wohnungsnot und zart & heftig


Grau ist alle Theorie

Grau ist alle Theorie



VSU

VSU



Rückseite mit Illustration von Claude Hitz

Rückseite mit Illustration von Claude Hitz



Auch in der Zeitschrift des bürgerlichen Studentenrings konnten wr uns vorstellen. Mich interessierte damals unter anderem, wie man das abgegriffene linke Normvokabular meidet, und das was man tut reformuliert, weshalb ich beispielsweise in dem Artikel Professoren als Staatsangestellte schmähte.
Man darf nicht vergessen, Anfang 1989 war der kalte Krieg noch präsent. Die Fichenaffäre, in der aufflog, dass geheime staatliche Organe jeden erfassten, der ein wenig kritisch war, rollte eben erst an. Ich erinnere mich noch, wie der Journalist der NZZ an unserer Pressekonferenz, an der wir alle ein Schildchen mit dem vollen Namen vor uns hatte, aufgeregt als erstes all die Namen notierte.

Unitopie-Artikel für den Studentenring

Bürgerliche Studentenzeitung

Bürgerliche Studentenzeitung

PS 3:

Das Wichtigste, was in Constantin Seibts Kommentar steht: Revolten sind immer eine kurze Zeit heftiger Gefühle, in denen die schranken zwischen vielen Leuten fallen und das Leben aufregend ist. Deshalb ist der Kater danach immer so gross.
Ansonsten würde es mich freuen, falls sonst noch jemand ein paar Zeilen Erinnerung oder eine Anekdote hintippen würde.


PS4: Inzwischen hat mir Adi Gredig freundlicherweise seine Seminararbeit zum Thema Unitopie überlassen. Sie sei kein Meisterwerk, schreibt er, aber immerhin hat sich jemand die Mühe gemacht, nachzusehen und zusammen zu tragen, was wann war.

2007 Andi Gredig Seminararbeit Unitopie

PS 3: Artikel der Gruppe Sponsoring, bei der Samuel Dubno mittat, heute, 2014, GLP-Gemeinderat und Stadtratskandidat

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