07.06.2009  _  Kolumne + Carla Lia Monti Die Räuberinnen + Charlotte Roche; Feuchtgebiete Facebook Kommentare 1

Räuberinnen und Moralgendarm

Die Kolumne aus der SonntagsZeitung vom 7.6.2009
(extended version aka director’s cut)

Vor einem Jahr bereiste ich Deutschland. Die Feuilletons überboten sich gerade mit Abscheu vor einem Buch, das die Bestsellerlisten anführte. Also las auch ich Charlotte Roches «Feuchtgebiete», die Erzählung einer jungen Frau, die gerne vögelt und mit einer Vorliebe für Unhygienisches gegen den Sauberkeitsfanatismus ihrer Mutter rebelliert. Ich mochte «Feuchtgebiete». Und bin damit offenbar nicht allein, denn Roche ist noch immer in den Bestsellerlisten. Das Buch profitiere bloss vom Skandalgewese, kann man nicht mehr behaupten.

Gleich erging es mir mit «Die Räuberinnen». Bis nach Vietnam hatte ich vernommen, Presse und TV rieten dringendst vom Film einer jungen Frau ab, der primitiv, ja von Sex und Gewalt geprägt sei. Nun gehöre ich zu den verkommenen Menschen, die sich zuweilen gerne Kulturprodukte voller Sex und Gewalt zumuten. Und (St. Galler Regierung aufgepasst!) die überzeugt sind, zwischen Fiktion und Realität unterscheiden zu können. (Was fiktives von nicht-fiktivem Ficken unerscheidet, das, äh, merkt man. Und bei Realgewalt bekäme ich schmächtiger Brillenträger eh nur auf die Schnauze.)

Es erging mir mit den «Räuberinnen» gleich wie bei Roche, denn entgegen aller Warnungen erheiterte mich das groteske Märchen. Angefangen beim Gute-Laune-Rock des fantastischen «Trio from Hell» über Alexandra Prusa, die grossartig die böse Mutter gibt, bis zu all den Bildern, die für helvetische Kinos neu sind: fröhlicher Kitsch, derbe Überzeichnungen, blutiger Trash, üppig inszenierte Orgien. Und endlich, endlich ein Film, der ins Bild setzt, was der Ausgangspunkt jedweder Erörterung von Drogenphänomenen sein sollte: das RIGUGEL-Prinzip –

«Ruschgift isch guet und git ä gueti Luunä»

. Deshalb nehmen das so viele Leute. Und nicht etwa, weil die Warnhinweise auf den Drogenpackungen nicht gross genug wären. Man betont, wenns um Beischlaf geht, ja auch nicht jedes Mal, das könnte aber mit einem dicken Bauch, mit Aids oder der Krätze enden.

Mir gefiel es, hässliche, nackte Körper zu sehen, mir gefiel es, im Kino einmal einen Penis zu sehen. (Denn ausserhalb von Pornos gehts eher prüde zu. Ein neuer Dok-Film über die Tanzchoreografin Anna Halprin etwa, die früh Nacktheit auf die Bühne brachte, überblendet konsequent jeden Schniddelwutz.) Mir gefiel die Vielsprachigkeit, etwa wenn die zwei Heldinnen miteinander in zwei ähnlichen, aber doch verschiedenen Sprachen sprechen, nämlich Schweizerdeutsch und Flämisch. Und mir gefielen Viktor Giacobbo und Patrick Frey, die als totenblasse abgeschlagene Köpfe Sprüche klopfen.
Die Heldin im Film zeigt ein Mal ein Medaillon mit dem Konterfei von John Waters und sagt: „Das ist mein Vater.“ Zu Recht. Denn wie die frühen John Waters Filme besteht „Die Räuberinnen“ aus einer Ansammlung grotesker und zum Teil ekliger Bilder, wie bei den frühen Waters-Filmen spielt die Rahmenhandlung kaum eine Rolle.

«Feuchtgebiete» hat Mängel und auch «Die Räuberinnen» ist nicht perfekt. Und trotzdem tut man gut daran, eher seiner Neugier oder – meinetwegen – seinen niedersten Instinkten (oder noch schlimmer: mir) zu vertrauen als dem Feuilleton und verschreckten Kritikern.

http://www.raeuberinnen.ch/

FUSSNOTEN & DRGL
Übrigens: Auch der Dokfilm „Breath made visible“ über die Tanzchoreographin Anna Halprin kann ich empfehlen. Halprin ist weit über 80 und eine verblüffend charismatische Erscheinung, die seit den sechzigern avantgardistisches Tanzen geprägt hat. Manche der Bilder, die Halprin auf die Bühnen bringt, und die zwischen Kunst und Tanz anzusiedeln sind, gehen mir, seit ich den Film gesehen habe, ständig durch den Kopf. Lasse man sich bloss nicht vom esoterisch angehauchten Start des Trailers abschrecken, hinten kommt’s gut.

RIGUGEL: FIGUGEL startete 1981 als Akronym der schweizerischen Käseunion: Fondue isch guet und git ä gueti Lunä. Die Reklame war allpräsent und ist in der Deutschweiz noch heute weit gehend bekannt.

„Feutchtgebiete“ ist keine grosse Literatur, aber eine flotte Erzählung. Und dass eine Erzählung es fertig bringt, dass wir uns ekeln, ist eine der Stärken des Buches. ich las Feuchtgebiete in einem Zug weg, war gut unterhalten und ein paar Szenen werde ich wohl nie mehr vergessen. Wo’s hapert ist die Rahmengeschichte. Als Motiv, warum die Protagonistin sich Afterverletzungen zufüge, ist angeführt, sie wolle, dass sich die getrennten Eltern im Spital begegneten, um in Folge wieder zusammen zu finden. Derlei naiver Schmonzes passt einfach nicht zur ansonsten illusionslosen und durch und durch abgebrühten Göre.

Vielsprachigkeit: Ich vermute, dass Dschoint Ventschr Produzent Samir seine Finger im Spiel haben könnte. Jedenfalls erinnerte mich der Verfremdende Effekt, den das Flämische hatte, an Samirs Esperantomärchen La Eta Knabino. (Lese soeben, Eta Knabino sei ein Stummfilm gewesen. Vielleicht betrügt mich auch das Gedächtnis, wenn’s jemand noch weiss: Bitte um Aufklärung wie das mit dem Esperanto war.)

Inzwischen ist mir Samir begegnet. Ich habe nachgefragt. Es ist zwar ein Stummfilm, der aber nachsynchronisiert wurde.
(Gedächtnis erleichtert ab.)

Kommentar hinterlassen  //  RSS-Feed mit Kommentaren zu diesem Beitrag

Ein Kommentar

Kommentar hinterlassen