10.05.2009  _  Kolumne + Schweinegrippe; Dummdeutsch; proaktiv Facebook Kommentare 4

Schweinesprachegrippe

Die Kolumne aus der SonntagsZeitung vom 10.05.2009

Mit Sprache ist es wie mit der Gesundheit. Plötzlich wütet wieder so eine Schweinegrippe. Ständig schwirren Sprachviren und Wortschädlinge umher, bis etwas bösartig mutiert und zu massenhafter Bedrohung von Verständlichkeit, Commonsense und Stil wird. Paradebeispiel ist momentan das Dumm­deutschwort «proaktiv», das sich seuchenartig ver­ breitet. Verzeichnete die Schweiz im Jahr 2000 57 Fälle, in denen Zeitungsartikel mit «proaktiv» konta­ miniert waren, so ist die Zahl allein im ersten Quartal dieses Jahr schon auf das Vierfache hochgeschnellt! Verursacher ist ein besonders heimtückisches Virus, denn die daran Erkrankten merken selbst nichts. An­steckung ist selbst durch Qualitätsschutzmasken hin­ durch und via elektronische Kommunikation mög­lich.

Wer noch nicht befallen ist, weiss natürlich, dass «aktiv» schon bedeutet, dass etwas zu tun sei. wenn man benennt, was denn aktiv zu tun sei, braucht es auch kein ange­papptes «pro». Wir von der «Fachstelle für Stil­ und andere Sprachpräventions­ fragen» raten ja, selbst die Vokabel «aktiv» nur sparsam zu verwenden. Anstatt zu deklamieren, jetzt müsse «aktiv», ja «proaktiv» die pakistanische Atombombe gesichert, proaktiv das Bankgeheimnis gerettet oder proaktiv der Salat gewaschen werden, reicht es, zu erklären, es sei die Bombe zu sichern, das Bank­geheimnis zu retten, der Salat zu waschen. Das klingt nicht so gewichtig, zwingt aber zu Genauigkeit. Und generell gilt: Sobald sich jemand hinter Neologismen à la «pro­aktiv» versteckt, statt zu sagen, was Sache ist, lautet die Diagnose auf akuten Dummdeutsch­-Verdacht.

Nun behaupten Verschwörungstheoretiker im Internet, die «Proaktiv»-Epidemie sei von der Dudenindustrie und Deutschlehrermultis in Geheimlabors gezüchtet worden, um mit dem Verkauf von Gegenmitteln abzukassieren. Das ist Nonsens! Die Krankheitsentwicklung lässt sich nachzeichnen: Der Begriff geht auf die Dreissigerjahre zurück, wurde dann vom Psychiater Viktor Frankl zu einer Kleintheorie hochgestemmt und schaffte es vor 20 Jahren in den Selbsthilfebest­seller «Seven Habits of Highly Effective People». Da verrate ich Ihnen doch gerne auch einen Tipp aus meinen Haemmerli­Effizienzseminaren®: Nie, nie lesen effiziente Leute derlei Selbsthilfeschmonzes, wenn schon, dann verfasst man derlei gleich selber. Und jetzt sollten Sie proaktivstens die Zeitung zu Ende lesen und Ihren Kaffee austrinken.

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