15.03.2009  _  Kolumne + Columbine; Winnenden Facebook

Warhols 15 Minuten, reformuliert

Obwohl ich auf der anderen Seite der Erde bin, sah ich live was in Winnenden bei Stuttgart los war. Wieder so ein durchgedrehter Tennie, dachte ich, wieder so ein Amokidiot, der das eigene Medienecho herbeisehnt und nicht einmal miterlebt. Als ich vom Essen kam, zappte ich mich noch ein Mal durch die Kanäle. CNN: Winnenden. BBC: Winnenden. Deutsche Welle: Winnenden. Am Netz das Gleiche: Spigel.de:, New York Times, Le Monde: Winnenden.
Ich dachte an all die Käffer, in denen derangierte, testosteronvernebelte junge Männer hocken, die nicht so recht wissen. Die es gerne einmal allen zeigen würden. Die Todessehnsucht verspüren. Die sich nach heroischen Extremtaten sehnen. Kommt dann noch der kurrente Wunsch hinzu, berühmt werden zu wollen, damit es endlich alle wissen, dann empfiehlt die Berichterstattung über Winnenden nur eins. Mit einer Waffe in die nächste Schule gehen. Ein Dutzend Mal den Zeigefinger am Abzug krümmern. Und schon kennt einen die ganez Welt.

Warhols Diktum reformuliert: 15 Minuten den Revolverhelden geben, garantiert tagelang Coverage in den Weltmedien sowie langfristigen Nachhall im Netz.

Das erste Mal war es mir an der Expo.02 im Swiss Re-Pavillon aufgefallen. In den Videos, in denen ein Querschnitt des Volkes Auskunft über seine Wünsche gab, wollte niemand mehr reich, aber viele wollten berühmt werden. Den Befund bestätigt ein Blick ins Leitmedium TV: „Wer wird Millionär?“ ist die Ausnahme, die Regel sind „Deutschland sucht den Superstar“, „Musikstar“, „Holt mich raus, ich bin ein Star“.
Bloss als Gedankenexperiment: Man stelle sich vor, der Amoklauf würde nur in der Winnender Zeitung abgehandelt. Man stelle sich vor, überregionale Medien schenkten ihm nicht mehr Achtung als einer Schlächterei im Kongo, in Dafur oder einem Attentat in Bagdad. Man stelle sich vor, in einer aufgeklärten Obama-Welt zählten Opfer gleich viel, egal was ihre Hautfarbe ist. Dann darf man sich auch vorstellen, dass sich Winnenden – im Gegensatz etwa zu Columbine – jungen verwirrten Männern nicht als Versprechen anempfehlen würde, mit ein paar Schüssen weltberühmt zu werden.
Natürlich wissen wir, Sie, als aufgeweckte Mediennutzer, ich, als alter Informationsdealer, dass Sie über Winnenden lesen wollen,und wir berichten werden, weil Winneneden auch meinen Lohn finanziert.
Aber seit der Krise packt einem zuweilen der kühne Gedanken, man müsste alles auf den Tisch legen und debattieren.

Kolumne aus der SonntagZeitung vom 15.3.2009


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