25.10.2008  _  Sonstiges + Warhol Facebook Kommentare 3

Warum wir dank Digitalisierung sammeln können, was das Zeug hält

Artikel für Das Magazin vom 1.9.2007

Ich bin in Sachen Sammeln ein gebranntes Kind. Als meine Mutter vor drei Jahren starb, hatte sie sich von einer Dame mit zu viel Besitz zum schweren Fall eines Messie gewandelt. Wer meinen Film «Sieben Mulden und eine Leiche» gesehen hat, weiss, wovon ich spreche. Sie war unfähig gewesen, sich von Dingen zu trennen und hinterliess eine vermüllte Wohnung. Beängstigend ist, dass schon ihre Mutter in einer voll gestopften Wohnung gestorben war, es also womöglich einen genetischen Hang zum Horten gibt. Die Fachliteratur ist sich nicht einig, hält aber fest: Viele Messies streben nach dem perfekten Archiv. Das beschreibt auch mich selber treffend.

Allerdings erfülle ich die zwei Kriterien nicht, die den vielseitigen Sammler vom Messie trennen. Erstens schämen sich die meisten Messies für ihre Wohnungen und laden deshalb keine Seele zu sich ein. Zweitens finden sie nichts mehr.

Wo die Grenze zwischen Sammler und Messie verläuft, hängt vom Verhältnis zwischen Material und Raum ab und ist damit auch eine Frage der Solvenz. Andy Warhol, der in den letzten zwanzig Jahren seines Lebens ein zwanghafter Sammler von allem und jedem war, funktionierte, weil er über einen Mitarbeiterstab, weitläufige Atelierräumlichkeiten sowie ein fünfstöckiges Townhouse an der Upper East Side verfügte. Und was Andy Warhols Mittel ermöglichten, das können wir dank Informationstechnologie inzwischen alle auch: sammeln ohne Reue.

Für mich offenbarte sich das durch zwei Schlüsselerlebnisse. 2000 erstand ich den koreanischen Festplattenplayer Jukebox, der dem iPod vorausging und es erlaubte, Unmengen von Musik auf Mann zu haben. Im gleichen Jahr verschlug es mich ins Hotel Marriot in New Orleans, wo ich meinen Laptop einsteckte und zum ersten Mal eine Highspeed-Verbindung erlebte. Tag und Nacht durchstreifte ich das Netz, über die Tauschbörse Napster entdeckte ich die Ausfaltungen der amerikanischen Stand-up-Komikerszene, ich lud lang gesuchte Alben runter und lebte vom Roomservice. Was interessierte mich das neue Orleans, wenn die ganze Welt bloss Klicks weit entfernt war.

Seither durchlebte ich immer wieder Suchtphasen. Ich habe von vielen Bands das komplette Repertoire; von den Stones, Johnny Cash, Neil Young oder den Ramones habe ich ungezählte Bootlegs, bei Bob Dylan dürfte ich bei über hundert Alben sein.

Das Heilsversprechen der Digitalisierung liegt darin, dass man bedenkenlos zum rabiaten Sammler werden und den inneren Warhol von der Kette lassen kann, ohne dabei verhaltensauffällig zu werden. Meine drei Terrabyte-Speicher (3000 Giga) sind zwar exorbitant im Vergleich zu dem, was ein normaler Mensch momentan zur Verfügung hat, aber räumlich handelt es sich um Apparate, die etwa drei Toastern entsprechen. Meine Musiksammlung hätte früher wenigstens ein eigenes Zimmer in Anspruch genommen.

Weil ich um meine Gefährdung als Messie weiss, habe ich mich dadurch diszipliniert, dass ich weder Fax noch Drucker besitze und Dokumente nur elektronisch entgegennehme. Auch Zeitungen lese ich lieber im Netz. Hatte ich früher überall Häufchen mit Artikeln, von denen ich glaubte, ich würde sie später lesen, so speichere ich sie heute einfach im Computer ab. (Und lese sie dann auch nicht.)

Die Gefahr am Terrabyte-System ist, dass man in Tauschbörsen geht, so als führe man bei einem vorzüglichen Gratis-Bücherantiquariat mit dem Zügelwagen vor. Ein Klick auf alles, was interessieren könnte, und schon besitzt man es. Bei meiner umfangreichen Bibliothek mit richtigen Büchern weiss ich genau, was ich habe und erinnere mich meist, wie der Buchrücken etwa ausschaut. Bei den digitalen Büchern habe ich den Überblick verloren, im Zweifelsfall lade ich das, was wahrscheinlich schon da ist, sicherheitshalber noch einmal runter. Auch wenn der Datenberg wächst, bin ich optimistisch, dass Suchprogramm-Entwickler mit digitalen Messies wie mir Schritt halten werden.

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